28/08/2026
🐾 Ein Welpe muss noch nicht „funktionieren“. Er muss sich sicher fühlen und erstmal alles in Ruhe kennenlernen.
Was mich immer wieder beschäftigt, sind Welpen, die schon in den ersten Lebensmonaten möglichst viel „lernen“ sollen. Leider arbeiten auch viele Hundeschulen immer noch so. Das Resultat sieht man dann spätestens wenn der Hund ein Jahr alt ist.
Sitz. Platz. Fuß. Bleib. Nicht ziehen. Nicht springen. Nicht dies. Nicht das.
Aber ist das wirklich das, was ein kleines Hundegehirn gerade braucht?
🧠 Das Gehirn ist noch mitten in der Entwicklung.
🐾 Der Körper muss sich erst koordinieren lernen.
🌎 Die Umwelt ist riesig und neu.
❤️ Und vor allem muss der Welpe lernen: Diese Welt ist sicher.
Ein Welpe braucht deshalb nicht möglichst viele Kommandos. Er braucht motorisch-sensorische Erfahrungen.
Er darf Untergründe, Geräusche und Gerüche kennenlernen, seinen Körper spüren, klettern, balancieren, beobachten und erkunden – in seinem Tempo.
Und vor allem braucht er Bindung.
Er hat gerade seine Mutter und Geschwister verloren, seine vertraute Umgebung und alles, was er bisher kannte. Jetzt braucht er Menschen, bei denen er ankommen und Vertrauen entwickeln darf.
Ich schule deshalb nicht nur den Hund.
Ich schule vor allem den Menschen.
Unsere Körpersprache, Bewegungen, Haltung, unser Timing und unsere Reaktion kommunizieren permanent mit dem Hund. Wer das versteht, kann Sicherheit und Orientierung geben, richtiges Verhalten verstärken und Überforderung vermeiden.
Das ist für mich echte Beziehung:
Nicht den Hund ständig korrigieren, sondern lernen, ihm die richtigen Antworten zu geben.
Und dann gibt es noch etwas, das mich bei vielen Welpengruppen nachdenklich macht:
Welpe ist nicht gleich Welpe.
Ein sehr junger Welpe befindet sich in einer völlig anderen Entwicklungsphase als ein sechs-, acht- oder zehn Monate alter Hund. Trotzdem werden sehr unterschiedliche Alters- und Entwicklungsstufen häufig einfach miteinander vermischt.
Aber ein Baby in der Krabbelgruppe ist auch nicht dasselbe wie ein Achtjähriger oder ein Zwölfjähriger.
Gerade in den ersten Lebensmonaten – häufig bis etwa zur 16., teilweise auch bis zur 20. Lebenswoche, abhängig von der individuellen Entwicklung – stehen andere Entwicklungsaufgaben im Vordergrund als bei einem älteren Junghund.
Das bedeutet nicht, dass Hunde verschiedener Altersstufen niemals Kontakt haben dürfen.
Es bedeutet: Kontakt und Lernerfahrungen müssen zur Entwicklungsphase passen.
Ein kleiner Welpe sollte nicht einfach mit deutlich älteren, körperlich überlegenen Hunden „klarkommen“ müssen.
Was ein Welpe dagegen nicht braucht:
❌ Anschreien
❌ Leinenruck
❌ körperliche Korrekturen
❌ Druck und Einschüchterung
❌ ständiges Unterbrechen
❌ Überforderung durch zu viele Reize
❌ frühes Alleinbleibetraining
❌ eine Umgebung, in der er ständig funktionieren muss
Ein Baby würde man schließlich auch nicht irgendwo allein hinlegen und erwarten, dass es sich selbst beruhigt.
Warum erwarten wir das von einem Welpen?
Ein Hund, der vermeintlich „gut hört“, weil er gelernt hat, dass auf einen Fehler Druck folgt, ist nicht automatisch ein sicherer oder gut erzogener Hund.
Manchmal zeigt sich erst später, was in dieser frühen Zeit passiert ist: Angst vor Hunden, Menschen oder Umweltreizen. Dann müssen wir mühsam Sicherheit wieder aufbauen, die dieser Hund von Anfang an hätte entwickeln dürfen.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir bei Welpen viel weniger fragen:
„Was muss dieser Hund jetzt lernen?“
Und stattdessen:
„Was darf dieser Hund jetzt in Sicherheit erleben?“
Ein Welpe muss die Welt nicht möglichst schnell beherrschen. Er darf sie erst einmal kennenlernen.
In Ruhe. Mit Unterstützung. Mit Vertrauen. Und mit einem Menschen an seiner Seite, der gelernt hat, ihn wirklich zu verstehen.
Denn Kindheit ist keine Zeit, in der ein Hund möglichst viel leisten muss.
Kindheit ist die Zeit, in der wir das Fundament für sein späteres Sicherheitsgefühl legen. ❤️