03/06/2026
„Bei modernen Pferden ist das eben so!“
„Der sieht aber toll aus! Was der für Wahnsinnsgänge hat!!“ Die Frau, meine sogenannte Besitzerin, ist schockverliebt. Wer es ihr aktuell angetan hat, ist kein Geringerer als Zorro de Luxe, der neue internationale Dressurkracher.
„Guck doch mal, was der für einen Wahnsinnstrab hat!“ Sie wedelt so lange mit dem Handy vor Frau Reitlehrerins Nase herum, bis die einen prüfenden Blick auf das Wundertier wirft.
„Taktunrein“, ist ihr Kommentar.
„Das ist eine überragende Trabmechanik!“, liest die Frau aus der Bildunterschrift vor. „Du hast ja keine Ahnung!“
Frau Reitlehrerin sagt nichts, aber ihr pädagogisches Lächeln intensiviert sich, bis die sogenannte Besitzerin nachfragt. „Wie meinst du das? Und woran sieht man es?“
„Weil die diagonale Fußfolge gestört ist“, erklärt Frau Reitlehrerin. „Du erkennst es daran, dass Unterarm und Hinterröhre nicht parallel sind.“
Auf der Stirn der Frau entstehen Fragezeichen.
Frau Reitlehrerin erläutert: „Der Trab ist eine diagonale Gangart im Zweitakt, das heißt, die diagonalen Beinpaare bewegen sich gleichzeitig und dabei notwendigerweise parallel. Auf dem Foto, das du gerade auf dem Handy hast, kannst du gut sehen, dass sich das diagonale Beinpaar nicht parallel bewegt. Das linke Vorderbein greift sehr weit aus, das rechte Hinterbein kommt gar nicht nach und wird deutlich weniger nach vorne geführt.“
„Bei den modernen Pferden ist das so, da gelten diese veralteten Maßstäbe nicht mehr. Total old school“, behauptet die sogenannte Besitzerin, die neuerdings Zucht- und Dressurexpertin ist. „Die modernen Pferde haben einfach mehr Schulterfreiheit.“
„Das nennt sich Takt und ist die unterste Stufe der Ausbildungsskala. Taktunreinheit ist auch kein modernes Phänomen und hat mit der Zucht nichts zu tun. Du kannst das nämlich auch auf alten s/w Fotos sehen. Das Problem liegt dabei nicht im Pferd, sondern in der nicht korrekt gerittenen Verstärkung, bei der die Hinterhand nicht aktiv genug ist und die Vorhand strampelt, also in der Luft zurückgeführt wird und dann erst auffußt. Bei einem korrekt gerittenen starken Trab ist die Parallelität gegeben, weil sich bei einem vergrößerten Tritt auch die Abfußhöhe vergrößert.“
Die Zucht und Dressurexpertin guckt fragend. (Weiterlesen? Der Link ist im ersten Kommentar 💖)
Bild: Roland Hitze, Wikiportret