19/10/2026
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Das Wort zum Sonntag - Alter Wein in neuen Schläuchen. Oder: Wenn Führungsquatsch plötzlich bedürfnisorientiert klingt 😵💫
Social Media - meine schier unerschöpfliche Quelle fachlicher Absurditäten, die mich täglich zu neuen Beiträgen inspiriert. Social Media kredenzt mit Zuverlässigkeit die haarsträubendsten Ausführungen, abenteuerlichsten Verhaltenserklärungen und pseudofachlichen Weisheiten sogenannter Hundeexperten.
Mal schriftlich, mal als Video und stets mit beeindruckender Überzeugung vorgetragen. Fachliche Substanz scheint optional zu sein.
Ich kann mir das alles nicht ausdenken. Wozu auch? Die Hundetrainerszene liefert frei Haus.
Heute auf der Speisekarte der harten Kost: Führung!
Oh, und Verantwortung. Und Sicherheit natürlich. Die darf bei diesem Thema keinesfalls fehlen. Drei wunderbar bedeutungsschwere Begriffe, mit denen man offenbar so ziemlich jedes Hundeverhalten erklären kann. Zumindest dann, wenn man es mit der Verhaltensbiologie nicht allzu genau nimmt.
Da erzählt ein Hundetrainer von zwei Hunden. Der eine ist unsicher, ständig in Sorge und geht in überfordernden Situationen nach vorne. Der andere ist ruhig, einfach da. Der gibt keine Kommandos, nämlich. Und der unsichere Hund wird ruhiger.
Was macht der Experte daraus? Führung! Natürlich. Was auch sonst?
Man könnte jetzt über soziale Pufferung, Co-Regulation und soziale Orientierung sprechen. Darüber, wie vertraute Sozialpartner Stressreaktionen abschwächen und emotionale Regulation unterstützen können.
Aber warum verhaltensbiologische Zusammenhänge erklären, wenn man einfach "Führung" draufschreiben kann?
Und dann die nächste Weisheit: Sicherheit entstehe nicht durch Kommandos, sondern durch "glaubwürdige Stabilität". Man müsse dem Hund vermitteln, dass er nicht alles selbst regeln müsse. Das größte Geschenk sei manchmal, ihm Verantwortung abzunehmen.
Welche Verantwortung bitte?
Seit wann ist eine Stressreaktion eine übernommene Verantwortung? Seit wann bedeutet nach vorne gerichtetes Verhalten, dass ein Hund glaubt, für irgendetwas zuständig zu sein? Und seit wann wird aus Angst ein Verwaltungsauftrag?
Vielleicht hat er Angst. Vielleicht versucht er, Distanz herzustellen. Vielleicht fehlen ihm geeignete Bewältigungsstrategien.
Aber nein. Er trägt natürlich Verantwortung. Und die muss ihm jemand abnehmen.
Erst wird dem Hund also eine Verantwortung angedichtet, die niemand nachgewiesen hat. Anschließend präsentiert man sich als großzügiger Retter.
Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Verantwortung FÜR einen Hund übernehmen und einem Hund angeblich Verantwortung abnehmen.
Und bei diesem Gerede von "Sicherheit geben" frage ich mich echt, ob hier überhaupt verstanden wurde, wie Sicherheit beim Hund entsteht.
Sicherheit ist keine magische Ausstrahlung eines vermeintlich souveränen Anführers. Sie wird unter anderem durch Vorhersehbarkeit, Schutz vor Überforderung, verlässliche soziale Unterstützung, eigene Einflussmöglichkeiten und Selbstwirksamkeit begünstigt.
Sicherheit lässt sich nicht einfach verordnen. Sie muss vom Hund auch als solche erlebt werden.
Wer das auf "glaubwürdige Stabilität" und "Verantwortung abnehmen" reduziert, liefert keine fachliche Erklärung, sondern eine wohlklingende Behauptung.
Aus: "Du musst der Chef sein."
wird: "Du musst ihm die Verantwortung abnehmen."
Klingt moderner, fast schon bedürfnisorientiert.
Aber nur weil man alten Führungsquatsch in neue Wohlfühlbegriffe verpackt, wird daraus noch lange keine Verhaltensbiologie und keine gute Beziehung.
Co-Regulation bedeutet nicht Führung. Soziale Pufferung ist keine Verantwortungsübergabe. Und ein Hund, der durch seine ruhige Anwesenheit zur Stressreduktion eines anderen Hundes beiträgt, übernimmt damit keine Führungsrolle oder Verantwortung für dessen Sicherheit.
Alter Wein in neuen Schläuchen bleibt eben alter Wein. Auch wenn auf dem Etikett jetzt Sicherheit, Vertrauen und Bedürfnisorientierung steht.
Manche Hundetrainer sollten ihren Hunden nicht so viel vermeintliche Verantwortung abnehmen, sondern erst mal selbst Verantwortung für ihre (fachlichen) Aussagen und ihre Haltung dahinter übernehmen.
Das wäre ein großes Geschenk an die Hunde und ihre Menschen.
Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und viel Zeit zum Nachdenken & Reflektieren❣️
Text: © S. Mangold
Foto: die unvergessene, geistreiche Ghost ❤️💔🖤