03/08/2025
Gestern Abend wurde ich auf einer Veranstaltung gefragt, was meiner Meinung nach in der Reiterei am meisten fehlt. Ich vermute, dass es das Gleiche ist, was auch im Rest der Gesellschaft immer häufiger fehlt. In short:
Werte - und der Wille, an sich selbst zu arbeiten.
Beides war zumindest für Reiter einmal verpflichtend – weil es nun einmal ein hohes Maß an Respekt für das Tier, Klarheit, Verlässlichkeit, Demut, Empathie und Freundlichkeit braucht, um mit einem hochsensiblen Fluchttier so umgehen zu können, dass es sich wohl und sicher fühlt und somit keinen Schaden erfährt.
Und man braucht: Kraft.
Mentale und körperliche Stärke.
Nicht, um dem Pferd möglichst brutal im Maul ziehen zu können oder es gewaltsam zu kontrollieren - sondern um den EIGENEN Körper so unter Kontrolle zu haben, dass man das Tier in keiner Weise stört.
Und das ist etwas, was heute mehr Menschen fehlt, als jemals zuvor.
Alles ist per Klick erhältlich, man muss nicht einmal mehr auf eine Leiter klettern, und auf der zweitletzten Sprosse balancieren, um sich den Brockhaus vom obersten Regal zu fischen, ohne sich dabei den Hals zu brechen - man muss nichtmal mehr ein Buch aufschlagen.
Swipen, tippen, klicken. That´s it.
Das ist KEINE körperliche Aktivität, die auch nur ansatzweise geeignet wäre, sich und seinen Körper zu stärken, um vernünftig reiten - oder übrigens den Herausforderungen des Lebens einfacher begegnen zu können.
Ebenso wenig wie das permanente Verweilen auf Social Media eine MENTALE Aktivität ist, die das Gehirn, den Geist und den Menschen stärker macht.
Es ist im Gegenteil eine Scheinwelt, die einen mit einem Gefühl überwältigender Leere zurücklässt - was man wahrnehmen würde, wenn man es nicht sofort mit dem nächsten Instagram Reel zu überdecken versuchte.
Kompetenzen wie Empathie, Verlässlichkeit, Demut, Disziplin und Freundlichkeit spielen in dieser Welt keine Rolle. Auch nicht Achtsamkeit und echtes Interesse. Was sich dann vielfach im echten Leben widerspiegelt.
Die Tiere aber sind immer noch echt. Sie sind lebendig. Sie sind mit der Natur und ihren Instinkten verbunden. Sie sind keine digitalen Avatare und auch keine Roboter. Das passt also möglicherweise zunehmend weniger zusammen. ©Julie von Bismarck