15/10/2026
Führungsqualitäten
Durch die traditionellen und weit verbreiteten Erziehungsmethoden ändert sich die Einstellung der Pferde Menschen gegenüber nicht dauerhaft.
Man kann Verhaltensweisen abtrainieren, Pferde einschüchtern oder ausbilden, bis sie tun, was man fordert.
Zusammengefasst heißt das: Sie gehorchen, weil sie Bedenken unseren Handlungsweisen gegenüber haben und Schmerzen vermeiden wollen. Sie sind uns Menschen gegenüber misstrauisch und schließen aggressives Verhalten nicht aus. Ein instinktiver Gehorsam kann daher nicht zustande kommen.
Achtet das Pferd den Menschen, weil dieser seine Führungsqualität im Sinne der Herdenregeln bewiesen hat, genießt er das Vertrauen des Pferdes und somit ist der Gehorsam obligatorisch. Er kann gar nicht in Frage gestellt werden. Das Pferd will gehorchen.
Aus seiner Sicht ist es kein „schwieriges Pferd“, oder zickig, stur, bockig, weil Pferde das innerhalb ihrer Herden untereinander gar nicht sein können. Es empfindet sich als gut und richtig, weil es das in der Herde mit dem gleichen Verhalten auch wäre. Falls an seinem Verhalten etwas nicht korrekt wäre, würde es das sofort verständlich „gesagt“ bekommen und hätte die unmittelbare Gelegenheit, sich zu korrigieren und wieder auf dem Freundschaftslevel zu sein. Strafe, weil es irgendetwas nicht kann oder sich nicht zutraut, kommt gar nicht vor. Dafür ist es auch nicht gewappnet und hat kein Programm oder Repertoire dafür, wie man als Pferd sein muss, um den menschlichen Ansprüchen zu genügen. Das hat die Natur nicht vorgesehen.
Seiner Natur entsprechend stellt es uns gegenüber seine Qualitäten dar, seine Kraft, seine Überzeugung von Rang, und auch seine Bedenken in Situationen, die sogar aus Pferdesicht oft schlau sind und das Überleben sichern.
Es würde keine waghalsigen Sprünge machen, wenn es nicht dringend nottut, auch nicht, wie beim Hufeauskratzen, auf drei Beinen stehen, wenn man vielleicht fluchtbereit sein sollte, nicht langsam gehen, wenn man rennen will. Kurz, das, was wir fordern, ist nicht sein Ding, es widerspricht seiner Sicherheit. Dazu gehört auch, sich nicht einem Wesen einer anderen Gattung zu unterwerfen. In der Natur wäre das sinnlos, es ginge gar nicht, es käme für kein Wildpferd in Frage.
(Gertrud Pysall, "Was Pferde wollen", 2012)