11/06/2026
In den letzten Tagen haben wir unter unserem Beitrag über Alois viele bewegende Nachrichten erhalten. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken.
Leider haben wir aber auch zahlreiche Kommentare gelesen, in denen uns unterstellt wird, diese Geschichte sei erfunden, mit KI erstellt oder zumindest stark ausgeschmückt und es handelt sich nicht um das selbe Tier. Ebenso wurde behauptet, wir hätten keine Ahnung von Katzen, und auch die Kompetenz unseres Tierarztes wurde infrage gestellt.
Wir möchten ehrlich sein: Das macht uns traurig.
Nicht, weil wir mit Kritik nicht umgehen können. Kritik gehört zum Tierschutz dazu, und wir stellen uns ihr täglich. Aber es enttäuscht uns, wenn Menschen lieber glauben, eine berührende Geschichte sei erfunden, als anzuerkennen, dass manchmal tatsächlich etwas Schönes passiert.
Wir haben es weder nötig, Geschichten zu erfinden, noch hätten wir die Zeit dafür. Unser Alltag besteht aus Tierarztfahrten, Medikamentengaben, Fangaktionen, Notfällen, Vermittlungen, Telefonaten und oft genug aus Situationen, die alles andere als schön sind.
Wenn wir Geschichten wie die von Alois erzählen, dann aus einem einfachen Grund: Wir möchten Euch zeigen, was bei uns passiert. Wir möchten Euch an den schönen Momenten teilhaben lassen, die uns Kraft geben, weiterzumachen. Denn neben all den traurigen Schicksalen gibt es eben auch diese seltenen Augenblicke, in denen alles gut ausgeht.
Dass heutzutage oft zuerst das Negative geglaubt wird, finden wir ehrlich gesagt sehr schade.
Noch trauriger finden wir jedoch die Behauptung, wir oder die behandelnden Tierärzte hätten keine Ahnung davon, was wir tun.
Deshalb möchten wir den Sachverhalt fachlich erklären:
Die Geschlechtsbestimmung bei Katzen erfolgt bei erwachsenen Tieren normalerweise durch die Beurteilung des Bereichs unter dem Schwanz. Dabei werden vor allem zwei Kriterien betrachtet: die Form der Genitalöffnung und der Abstand zwischen Genitalöffnung und After.
Bei gesunden Tieren funktioniert diese Methode in der Regel sehr zuverlässig.
Bei einem schwer geschwächten, ausgezehrten und massiv abgemagerten Tier kann dieses System jedoch an seine Grenzen stoßen.
Durch den extremen Gewichtsverlust verliert das Gewebe im A**l- und Genitalbereich seine natürliche Spannung. Die anatomischen Strukturen verändern sich sichtbar. Ein eigentlich runder Harnröhrenausgang eines Katers kann dadurch optisch in die Länge gezogen erscheinen und dem typischen Erscheinungsbild einer weiblichen Katze ähneln.
Hinzu kommt, dass bei einem kastrierten Kater die Hoden ohnehin fehlen. Selbst bei unkastrierten Tieren können schwere Erkrankungen und starke Abmagerung dazu führen, dass sich die Hoden zurückbilden oder im eingefallenen Gewebe kaum noch sichtbar sind. Damit entfällt eines der wichtigsten äußeren Merkmale zur Geschlechtsbestimmung.
Ein weiterer Punkt betrifft die Abstände zwischen den anatomischen Strukturen. Es gibt die sogenannte „Satzzeichen-Regel“: Bei weiblichen Katzen ähnelt die Anordnung einem kleinen „i“, bei Katern eher einem Doppelpunkt „:".
Bei stark abgemagerten Tieren schrumpft jedoch das Gewebe zwischen den Öffnungen zusammen, wodurch sich die typischen Abstände optisch deutlich verändern können.
Auch die sonst oft hilfreichen körperlichen Merkmale verlieren in solchen Fällen an Aussagekraft. Gesunde Kater besitzen häufig einen breiteren Kopf, ausgeprägte Katerbacken und einen kräftigeren Körperbau. Bei einem Tier, das bis auf die Knochen abgemagert ist, verschwinden diese Unterschiede jedoch weitgehend. Der Körperbau wirkt unabhängig vom Geschlecht schmal und eingefallen, die Gesichtszüge verändern sich deutlich.
Wer sich näher mit diesem Thema beschäftigen möchte, findet entsprechende Informationen unter anderem in veterinärmedizinischen Fachinformationen zur Kachexie und zu den Auswirkungen schwerer Abmagerung auf die äußere Anatomie von Tieren.
Niemand hat behauptet, dass eine Geschlechtsbestimmung unter normalen Umständen schwierig wäre. Die Besonderheit in diesem Fall war jedoch, dass Alois eben kein gesundes Tier in normalem Ernährungszustand war, sondern ein schwer geschwächter Kater, der über einen langen Zeitraum auf sich allein gestellt gewesen ist. Die Vernarbung kann er sich durch eine Verletzung oder bei einem Kampf zugezogen haben.
Am Ende zählt für uns vor allem eines:
Alois ist wieder zuhause.
Und darüber freuen wir uns heute noch genauso wie an dem Tag, als seine glückliche Besitzerin ihn endlich wieder in die Arme schließen durfte.