04/09/2026
Bodenarbeit mit Plan – aber nicht nach Kalender
Ein 4-Wochen-Leitfaden für junge und unerfahrene Pferde
Ich werde immer wieder gefragt: „Tommy, kannst du nicht einmal einen Trainingsplan für Bodenarbeit machen?“
Kann ich. Aber ich möchte gleich etwas Wichtiges vorwegschicken:
Ein Trainingsplan darf dir einen Weg zeigen. Er darf aber niemals wichtiger werden als das Pferd, das vor dir steht.
Pferde lernen nicht nach Kalender. Das eine versteht eine Aufgabe nach wenigen Minuten, das andere braucht mehrere Einheiten, bis es körperlich und mental wirklich verstanden hat, was wir von ihm möchten. Und manchmal ist genau das Richtige, einen Schritt zurückzugehen.
Die folgenden vier Wochen sind deshalb kein Programm, das abgearbeitet werden muss. Sie sind ein roter Faden für ein junges Pferd oder ein Pferd, das bisher wenig oder keine systematische Bodenarbeit kennengelernt hat.
Dabei geht es mir nicht darum, möglichst viele Übungen abzuhaken. Es geht um etwas viel Wichtigeres:
Verständnis, Kommunikation, Körpergefühl und Vertrauen.
Woche 1 – Erst einmal miteinander klarkommen
In der ersten Woche möchte ich noch gar nicht viel vom Pferd. Ich möchte, dass wir lernen, uns gegenseitig zu lesen.
Annäherung, Berührung und Raum
Beginne mit einfachen Dingen. Annäherung, Berührung, wieder Abstand nehmen. Beobachte dabei dein Pferd.
Wie verändert sich sein Blick?
Wie steht es?
Wie atmet es?
Wird die Muskulatur fester?
Kann es wieder entspannen?
Gehe nicht erst dann einen Schritt zurück, wenn das Pferd deutlich ausweichen muss. Lerne, die kleinen Veränderungen vorher zu erkennen.
Ziel: Das Pferd soll erleben, dass seine Signale wahrgenommen werden und der Mensch verständlich und berechenbar handelt.
Führen ist bereits Ausbildung
Für mich gehört gutes Führen zur Grundschule jedes Pferdes.
Das Pferd sollte lernen, mit dir loszugehen, anzuhalten, die Richtung zu wechseln und dabei seinen eigenen Körper zu organisieren.
Gehe gerade Linien, große Bögen und einfache Wendungen. Verändere gelegentlich dein Tempo. Achte darauf, dass du dein Pferd nicht ständig am Strick korrigierst.
Die Frage lautet nicht nur:
„Folgt mein Pferd mir?“
Sondern auch:
„Habe ich ihm überhaupt rechtzeitig erklärt, wohin ich möchte?“
Gerade beim Führen beginnt gutes Timing.
Woche 2 – Aus Kommunikation wird Bewegung
Jetzt können wir beginnen, einzelne Körperbereiche bewusster anzusprechen.
Rückwärtsrichten
Rückwärtsrichten ist für mich keine Übung, um einem Pferd zu zeigen, „wer hier bestimmt“.
Es ist eine wertvolle koordinative Aufgabe.
Beginne mit wenig. Ein guter, ruhiger Schritt rückwärts ist mehr wert als fünf hektische Schritte.
Achte darauf, wann das Pferd sein Gewicht verlagert. Oft beginnt die richtige Antwort bereits, bevor sich überhaupt ein Huf bewegt.
Genau dort sollte deine Hilfe bereits leichter werden.
Nicht erst das fertige Rückwärts belohnen – sondern schon den richtigen Gedanken in die richtige Richtung.
Vorhand und Hinterhand bewegen
Nun kannst du beginnen, Vorhand und Hinterhand gezielt anzusprechen.
Dabei geht es nicht darum, das Pferd irgendwie seitwärts zu schieben. Achte darauf, wie es seine Beine setzt und ob es sich ausbalancieren kann.
Hier kommt für mich die Biomechanik ins Spiel.
Eine Hilfe kann nämlich vollkommen korrekt gemeint sein und trotzdem im falschen Moment kommen. Wenn das betreffende Bein gerade belastet ist, kann das Pferd unserer Aufforderung möglicherweise gar nicht sinnvoll folgen.
Eine feine Hilfe ist nicht nur eine kleine Hilfe. Eine feine Hilfe kommt auch im richtigen Moment.
Erste Kreisarbeit
Die Kreisarbeit sollte kein stumpfes Herumlaufen um den Menschen werden.
Beginne mit großen Linien, wenigen Runden und häufigen Pausen. Schritt reicht zunächst vollkommen aus.
Achte auf Rhythmus, Balance und darauf, ob dein Pferd seine Linie zunehmend selbst halten kann.
Woche 3 – Verständigung wird feiner
Jetzt geht es weniger darum, neue Übungen hinzuzufügen. Vielmehr wollen wir das verfeinern, was bereits vorhanden ist.
Übergänge
Schritt – Halt.
Halt – Schritt.
Später vielleicht Schritt – Trab und wieder zurück.
Versuche dabei, immer weniger machen zu müssen.
Nicht schneller reagieren bedeutet automatisch besser reagieren.
Ich möchte eine aufmerksame, ruhige und körperlich mögliche Antwort.
Gib deinem Pferd auch Zeit zum Nachdenken. Gerade junge Pferde brauchen manchmal einen Moment, um eine Information zu verarbeiten.
Seitwärtsbewegungen
Nun können erste seitliche Bewegungen hinzukommen.
Beginne mit wenigen Tritten. Qualität geht vor Quantität.
Beobachte die Beine deines Pferdes und lerne zu erkennen, wann du deine Hilfe geben musst, damit es sie biomechanisch überhaupt umsetzen kann.
Bodenarbeit ist für mich deshalb auch eine hervorragende Schule für den Menschen.
Wir lernen hinzusehen.
Kleine Hindernisse
Stangen, Pylonen, eine Plane oder ein schmaler Durchgang können jetzt eingebaut werden.
Aber bitte macht daraus keinen Muttest.
Das Pferd darf schauen. Es darf nachdenken. Es darf auch einmal stehen bleiben.
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, das Pferd irgendwie über die Plane zu bekommen.
Unsere Aufgabe besteht darin, ihm zu helfen, eine Lösung zu finden.
Das Hindernis ist nicht die eigentliche Aufgabe. Die eigentliche Aufgabe ist die Kommunikation davor.
Woche 4 – Mehr Eigenverantwortung zulassen
In der vierten Woche möchte ich weniger bestimmen und mehr beobachten.
Kann mein Pferd inzwischen Aufgaben lösen, ohne dass ich jeden einzelnen Schritt kontrollieren muss?
Gelassenheit entwickeln
Neue Gegenstände, Geräusche und Situationen dürfen jetzt hinzukommen.
Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, ein Pferd mit Reizen so lange zu konfrontieren, bis es irgendwann nicht mehr reagiert.
Gelassenheit entsteht nicht durch Aushalten.
Sie entsteht, wenn ein Pferd lernt:
Ich kann wahrnehmen, nachdenken und eine Lösung finden.
Gib deshalb Pausen. Lass das Pferd untersuchen. Nimm Intensität heraus, wenn sie zu hoch wird, und steigere Anforderungen erst, wenn dein Pferd wieder aufnahmefähig ist.
Ein kleiner Bodenarbeits-Parcours
Verbinde nun verschiedene bekannte Aufgaben miteinander:
Führen, Halt, Rückwärts, Stangen, Wendungen, Seitwärtsbewegungen oder einen Engpass.
Jetzt zeigt sich, ob die Grundlagen wirklich verstanden wurden.
Nicht Perfektion ist das Ziel.
Ich möchte ein Pferd sehen, das zuhört, mitdenkt und trotzdem eigene Verantwortung für seinen Körper übernehmen darf.
Raus aus dem Trainingsplatz
Wenn die Grundlagen funktionieren, gehen wir auch einmal woanders hin.
Ein Spaziergang über den Hof, ein anderer Platz oder ein ruhiger Weg können völlig neue Anforderungen darstellen.
Erwarte deshalb nicht, dass eine Übung, die auf dem bekannten Reitplatz funktioniert, an einem fremden Ort sofort genauso gut klappt.
Pferde müssen lernen, Bekanntes auf neue Situationen zu übertragen.
Und dafür brauchen sie Erfahrung.
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Was mir bei allen vier Wochen wichtig ist
Timing vor Stärke.
Die Hilfe muss nicht nur verständlich sein, sondern auch zu einem Zeitpunkt kommen, an dem das Pferd sie körperlich umsetzen kann.
Nachlassen ist ein Teil der Hilfe.
Wer immer nur mehr macht, bringt einem Pferd vor allem bei, mehr auszuhalten. Gute Bodenarbeit lebt davon, dass wir im richtigen Moment wieder weniger werden.
Pausen gehören zum Training.
Eine Pause ist keine verlorene Trainingszeit. Oft verarbeitet ein Pferd genau dort das, was wir gerade erarbeitet haben.
Beobachten statt abarbeiten.
Schau nicht ständig auf deinen Plan. Schau auf dein Pferd.
Wiederholen ist kein Rückschritt.
Wenn Woche 1 bei deinem Pferd drei Wochen dauert, dann dauert sie eben drei Wochen.
Und vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt dieses gesamten Trainingsplans:
Dein Pferd kennt diesen Plan nicht.
Es weiß nicht, dass heute „Tag 5“ ist. Es weiß nicht, dass laut Plan heute Seitwärtsgehen auf dem Programm steht.
Es zeigt dir nur, was heute möglich ist.
Ein guter Horseman erkennt deshalb nicht daran, wie schnell er durch einen Trainingsplan kommt.
Sondern daran, ob er bereit ist, seinen Plan zu verändern, wenn das Pferd ihm zeigt, dass es einen anderen Weg braucht.
Der Plan gibt uns die Richtung.
Das Pferd bestimmt das Tempo.
Euer Tommy