11/06/2026
Ein neuer Anfang
Erzählung aus Sicht des Pferdes
Ich war Wind.
Ich war Staub, Weite, Schritt und Sprung. Die Herde war mein Herz, die Sonne mein Taktgeber. Der Mensch war ein Schatten am Horizont einer, dem man ausweicht, den man nicht fragt, nicht folgt.
Bis sie kamen.
Mit Gittern, Triebwegen, Lärm und Hast. Wir rannten. Aber der Zaun war schneller. Ich war zwei Winter alt, mein Körper stark, mein Geist hellwach. Doch der Zaun kannte kein Denken, nur Grenze.
Sie nannten mich widerspenstig. Ich nannte sie blind.
In den Wochen nach der Einfangung roch alles falsch. Eisen, Leder; Angst. Die Männer schrien. Die Seile brannten. Einer nach dem anderen wurde gebrochen, wie sie es nannten. Ich sah, wie sie aufgaben – nicht aus Einsicht, sondern aus Erschöpfung.
Dann kam Er.
Ein anderer Mensch. Einer, der sich nicht über mich stellte, sondern still blieb. Seine Augen wanderten nicht gleich zu meinem Rücken, sondern zu meinen Ohren, meiner Schulter. Er trug kein Seil. Kein Hut wie die anderen. Nur eine Stimme, leise, tiefer als der Wind.
Er trat in den Round Pen wie ein Gast, nicht wie ein Besitzer.
Er jagte mich nicht. Er wartete. Er ließ mich rennen, ließ mich toben – aber ohne Drohung. Ich testete ihn. Drehte mich ab, schleuderte meine Hufe in den Sand. Aber er blieb. Ruhig. Aufrecht. Offen.
Dann geschah es: Ich blieb stehen.
Nicht, weil ich gezwungen war, sondern weil seine Ruhe stärker war als mein Sturm.
Er drehte sich leicht zur Seite, senkte den Blick, atmete wie ich. Und ich trat auf ihn zu. Ein Schritt. Dann zwei. Kein Leckerli, keine Belohnung, nur Resonanz. Ich war frei und ging zu ihm.
Er hob nicht die Hand, er hob das Gespräch.
Ich war wild. Ich war Wind. Und doch: Ich war bereit.
Nicht gezähmt, sondern gehört.
Ein neuer Anfang
Erzählung aus Sicht des Cowboys
Ich mochte nie das Wort brechen.
Als Kind sah ich, wie sie’s machten: das wilde Pferd in den Round Pen treiben, es jagen, schwitzen lassen, bis es aufgab. Dann drauf, festbinden, aushalten, brechen. Es funktionierte. Irgendwie.
Aber ich sah, was zurückblieb: leere Augen, stumpfer Schritt. Ein Pferd, das zwar gehorchte, aber nie wirklich da war.
Ich wollte mehr.
Ich lernte von alten Cowboys, die keine Bücher schrieben, nur Fühlen lehrten. Männer, die sagten: „Wenn du Druck machst, sei bereit, rechtzeitig loszulassen.“ Die nicht in Pfund dachten, sondern in Herzschlag.
Als ich ihn das erste Mal sah, den Rappen mit dem aufrechten Blick – wusste ich: Das ist keiner, der sich pressen lässt. Einer, der fragt: Bist du echt?
Ich trat in den Round Pen. Keine Show, keine Stoppuhr. Nur wir zwei.
Ich ließ ihn laufen, ja. Aber ich achtete auf seinen Takt, seine Ohren, seine Nase. Ich suchte nicht seinen Gehorsam, ich suchte seine Frage. Und als er anhielt und mich ansah, war das Antwort genug.
Ich trat nicht auf ihn zu. Ich gab Raum. Und siehe da: Er trat in meinen.
Wir arbeiteten langsam. Ohne Lasso, ohne Zwang. Nur Körper, Energie, Klarheit. Ich zeigte, bat, wartete. Und er folgte – weil er es wollte.
Ich brach ihn nicht.
Ich begegnete ihm.
Und das war der Anfang von allem.
Dies ist ein kleiner Auszug aus meinem Buch:
"Verbundene Wege“
Von der Geschichte zur Gegenwart: Begegnungen zwischen Mensch und Pferd“
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