15/08/2026
Unsozial oder einfach nur rassetypisch?
Ich stolpere in letzter Zeit immer wieder über Videos, in denen Hunde miteinander in den Sozialkontakt geschickt werden, obwohl man eigentlich schon im Voraus genau weiß, was passieren wird.
Der Hund priorisiert erstmal einfach das, wofür er genetisch gemacht ist.
Die Genetik kickt voll rein und der Hund zeigt genau dieses Verhalten , was seine Rasse ausmacht.
Das Erschreckende daran ist, dass dieses Verhalten im Nachgang völlig falsch auf die soziale Ebene geschoben wird.
Bei so spezialisierten Hunden, ist es von vornherein klar, dass ihr erstes, am stärksten priorisiertes Verhalten in diesem Moment absolut gar nichts mit Kommunikation zu tun hat. Sie spulen schlichtweg ihre rassetypischen Anlagen ab.
Wenn ich zum Beispiel einen Terrier mit sogenannten „normalen“ Hunden zusammenlasse, kann ich das nicht einfach laufen lassen und hoffen, dass der Kontakt schon funktioniert.
Terrier wurden auf bestimmte Verhaltensweisen selektiert. Sie reagieren auf manche Signale nicht so, wie es andere Hunde erwarten würden. Dadurch kann die Kommunikation schnell schwierig werden.
Ähnlich sieht es bei Malinois, Border Collies, Retrievern und vielen anderen spezialisierten Hunden aus. Ein Border Collie kontrolliert und fixiert Bewegungen.
Ein Malinois fährt extrem schnell hoch und wird körperlich präsent. Ein Terrier reagiert auf bestimmte Reize unmittelbar und offensiv.
Ein Retriever wiederum zeigt häufig eine höhere Bereitschaft, soziale und körperliche Kontakte auszuhalten oder aktiv aufrechtzuerhalten.
Dabei ist mir ein Punkt besonders wichtig.
Nicht jedes Verhalten, das zwischen Hunden stattfindet, ist automatisch soziale Kommunikation.
Nur weil ein Hund einen anderen verfolgt, fixiert, bedrängt, körperlich anrempelt oder immer wieder in Bewegung bringt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er „kommuniziert“, „spielen möchte“ oder sozial kompetent handelt.
Verhalten entsteht immer aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, unter anderem aus den genetischen Anlagen des Hundes, seinen Erfahrungen, seinem Erregungslevel und dem, was für ihn gerade Priorität hat.
Bei einem Terrier kann zum Beispiel das Beute- oder Konfliktverhalten sehr schnell wichtiger werden als eine angemessene soziale Antwort. Beim Border Collie kann die Bewegungssteuerung in den Vordergrund rücken.
Beim Malinois können hohe Aktivierung und Arbeitsbereitschaft die soziale Orientierung überlagern und beim Retriever kann das genetische Bestreben nach Kontaktnähe dazu führen, dass er Grenzen anderer Hunde übersieht oder eigenes Unwohlsein überspielt.
Das kann für den anderen Hund völlig anders ankommen, als es vom handelnden Hund gemeint ist und manchmal handelt der Hund in diesem Moment auch gar nicht mit dem Ziel, sozial zu kommunizieren. Er folgt dann vielmehr seinen genetisch geprägten Prioritäten und Verhaltensmustern.
Ein Trainer muss meiner Meinung nach unterscheiden können, ob ein Hund sich gerade einfach frech, distanzlos oder unerzogen verhält oder ob seine genetisch tief verankerten Anlagen in dieser Situation zu stark zum Tragen kommen.
Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die auch völlig unterschiedliche Antworten brauchen.
Mich ärgert es deshalb, wenn selektierte Hunde, die sich im Grunde genau entsprechend ihrer ursprünglichen Aufgabe und ihrer genetischen Anlagen verhalten, vorschnell als „unsozial“ abgestempelt werden. Vielleicht läuft ihr Verhalten in diesem Moment gar nicht im Kontext von Sozialverhalten ab.
Ein Terrier, der nach vorne geht, ein Border Collie, der Bewegungen kontrollieren möchte, ein Malinois, der extrem schnell in hohe Aktivierung kommt, oder ein Retriever, der Kontakte erzwingt, handelt nicht automatisch aus einem sozialen Motiv heraus.
Solche Aussagen sind dem Hund gegenüber unfair.
Sie setzen ihm einen Stempel auf, den er möglicherweise nie wieder loswird und sie beeinflussen auch die Halter, oft leider in eine falsche Richtung.
Statt den eigenen Hund besser zu verstehen, bekommen sie das Gefühl, ihr Hund sei grundsätzlich „unsozial“, „übergriffig“ oder einfach „frech“.
Genau hier braucht es viel mehr Aufklärung über die Individualität unserer Hunde, echtes Wissen über Rassemerkmale und einen geschulten Blick für das, was in diesem Moment wirklich passiert.
Welche rassetypischen Verhaltensweisen beobachtet ihr bei euren Hunden in Begegnungen?
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