12/06/2026
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„Es war doch nur ein Hund.“
Ich weiß, dass viele Menschen das denken werden.
Sie meinen es oft nicht böse. Sie versuchen, den Schmerz einzuordnen, ihn in eine Kategorie zu legen, die für sie verständlich ist. Ein Haustier. Ein Hund. Ein trauriger Verlust. Die Zeit heilt alle Wunden.
Aber Iluq war nicht „nur ein Hund“.
Und ich glaube, ich muss aufhören, so zu tun, als würde diese Beschreibung auch nur annähernd erklären, was ich verloren habe.
Iluq war mein Zuhause.
Er war die Konstante in meinem Alltag, der ruhige Atem neben mir, die Augen, die mich suchten, noch bevor ich wusste, dass ich gefunden werden musste. Er war derjenige, der mich kannte, ohne dass ich mich erklären musste.
Wir konnten stundenlang gemeinsam schweigen und trotzdem miteinander sprechen.
Wer das nie erlebt hat, wird vielleicht denken, ich würde einem Tier menschliche Eigenschaften zuschreiben. Aber die Menschen, die das Glück hatten, einem solchen Wesen zu begegnen, wissen genau, wovon ich spreche.
Es gibt Verbindungen, die auf Worten beruhen.
Und es gibt Verbindungen, die auf Anwesenheit beruhen.
Unsere gehörte zur zweiten Art.
Iluq war ein Siberian Husky. Verschmitzt. Witzig. Klug. Und mit zunehmendem Alter wurde er weise. Er hatte diese Art, die Welt aufmerksam zu betrachten, als würde er sich seine eigene Meinung bilden. Er brachte mich zum Lachen mit seinem Schabernack. Er konnte mich mit einem Blick erden.
Und er roch nach Iluq.
Ja, ich vermisse sogar den Geruch seiner Pfoten.
Ich vermisse das Geräusch seiner Schritte. Das Gewicht seines Körpers neben mir. Die Art, wie er sich zu mir legte. Seine Wärme. Seine Blicke. Seine kleinen Eigenheiten, die niemand sonst bemerkt hätte und die für mich alles bedeuteten.
Wir hatten einen Van und haben kleine Touren unternommen. Wir haben gemeinsam Sonnenaufgänge beobachtet, während die Welt noch schlief. Wir sind in der Ostsee geschwommen. Wir saßen nebeneinander und schauten in dieselbe Richtung. Nicht, weil wir nichts zu sagen hatten, sondern weil wir längst alles gesagt hatten.
Dann kam die Diagnose.
Multiples Myelom.
Fünf Monate lang haben wir palliativ gelebt. Nicht aufgegeben. Gelebt.
Ich habe seine Beine massiert und ihm von Gott und der Welt erzählt. Wir haben gute Tage gefeiert und schwere Tage gemeinsam getragen. Ich habe gelernt, wie viel Liebe in Fürsorge steckt. Wie still Heldentum aussehen kann. Wie schmerzhaft es ist, jemanden so sehr zu lieben und gleichzeitig zu wissen, dass man ihn verlieren wird.
Und dann kam der Tag, an dem ich ihn gehen lassen musste.
Die schwerste Entscheidung meines Lebens.
Eine Entscheidung, die man nur trifft, wenn die eigene Liebe größer ist als der Wunsch, jemanden um jeden Preis festzuhalten.
Seitdem sagen manche Menschen:
„Es war doch nur ein Hund.“
Aber wenn ich um ihn trauere, dann trauere ich nicht um ein Haustier.
Ich trauere um meinen Seelenverwandten.
Um die einzigartige Sprache, die wir miteinander hatten.
Um die Sicherheit, die ich in seiner Nähe empfand.
Um das Gefühl, dass die Welt in Ordnung war, solange wir zusammen waren.
Ich trauere um das gemeinsame „Wir“.
Und nein – ich möchte keinen Ersatz.
Ich möchte nicht hören, dass die Zeit alle Wunden heilt.
Ich möchte nicht erklärt bekommen, dass das Leben weitergeht.
Ich weiß, dass das Leben weitergeht.
Aber dieses Leben hier ist nicht mehr das Leben, das ich kannte.
Denn Iluq fehlt überall.
Er fehlt in der Stille des Vans.
Er fehlt bei Spaziergängen.
Er fehlt in den frühen Morgenstunden.
Er fehlt in meinem Blick zur Tür.
Er fehlt in den Geschichten, die ich ihm erzählen würde.
Er fehlt in den Momenten, in denen ich automatisch denke: „Das muss ich Iluq zeigen.“
Vor allem aber fehlt mir dieses eine, tiefe Gefühl:
Wir sind zusammen, und alles ist in Ordnung.
Vielleicht versteht nicht jeder die Größe dieses Verlustes.
Aber ich wünsche mir, dass niemand die Liebe dahinter klein macht.
Denn Liebe misst sich nicht daran, zu welcher Spezies jemand gehört.
Sie misst sich daran, wie sehr zwei Wesen einander Heimat geworden sind.
Ich hatte das unermessliche Glück, elf Jahre und sechs Monate lang von einem alten Husky namens Iluq begleitet zu werden.
Er hat mich gelehrt, langsamer zu werden. Präsenter zu sein. Die Natur zu riechen. Sonnenaufgänge zu bestaunen. In der Stille Gesellschaft zu finden. Zu lieben, ohne Bedingungen zu stellen.
Er hat mich verändert.
Und deshalb wird meine Trauer nicht kleiner, nur weil manche Menschen sie nicht verstehen.
Sie ist das Echo einer großen Liebe.
Iluq war nicht „nur ein Hund“.
Er war mein Freund.
Mein Vertrauter.
Mein Abenteuergefährte.
Mein Ruhepol.
Mein Zuhause.
Und wenn ich heute seinen Namen ausspreche, dann nicht nur mit Schmerz.
Sondern auch mit tiefer Dankbarkeit.
Denn von all den Leben, die sich auf dieser Welt hätten begegnen können, haben sich ausgerechnet unseres gefunden.
Und ich würde ihn, trotz dieses unvorstellbaren Abschieds, immer wieder wählen.
Immer wieder.
Iluq.
Für immer ein Teil meines Herzens.
Für immer meine Heimat.