15/10/2026
Der Hund ist der beste Freund des Menschen, heißt es. Ich halte das für Schönfärberei. Nie wussten wir so viel über Hunde, und nie ist davon so wenig im Alltag angekommen. Denn gesucht wird der bequemste Freund. Einer, der sich freut, wenn wir nach Hause kommen, und nie fragt, wo wir gestern waren.
Jahrtausendelang hütete, jagte und bewachte der Hund für uns. Heute besteht seine Aufgabe vor allem darin, nicht aufzufallen. Er soll im Café unter dem Tisch liegen und in der Altbauwohnung so tun, als wäre er gar nicht da.
Gelingt ihm das, liegt er still da. Er bellt nicht, drängelt nicht, verlangt nichts. Alle finden ihn wunderbar.
Ob er sich dort so wohlfühlt wie wir, hat niemand gefragt.
Gelingt ihm das nicht, bekommt er ein Etikett. Hat er Angst, heißt er schwierig. Braucht er Abstand, heißt er unsozial. Bellt er den Besuch an, gilt er als Problemfall. Dabei haben wir viele Hunde genau dafür gezüchtet, Fremde zu melden.
Mit genau diesen Etiketten melden sich jede Woche Menschen bei mir. Wer wegen seines Hundes Hilfe sucht, möchte verstehen, woran es liegt. Schwieriger wird es, wenn die Antwort Veränderungen auf der eigenen Seite verlangt. Ändern soll sich der Hund, am besten, bevor die Schwiegereltern kommen.
Geduld? Die erwarten wir vom Hund.
Wir nennen ihn Familienmitglied und reden von bedingungsloser Liebe. Gemeint ist seine. Unsere hat Bedingungen. Seine Nähe nehmen wir gern. Was anstrengt, würden wir am liebsten abstellen.
Wer diesen Wunsch zu Ende denkt, landet beim Roboterhund. Er funktioniert ab Werk, braucht kein Training und lässt sich ausschalten. Er ist der ehrlichste Hund der Komfortgesellschaft: unser Wunschzettel mit Batterie. Wer einen Hund will, der nie stört, soll sich so ein Gerät kaufen. Einem lebenden Tier bliebe eine Menge erspart.
Niemand muss einen Hund halten. Wer es tut, fragt ihn nicht, ob er an die Leine möchte, bevor es über die Straße geht. Das entscheiden wir. Er braucht jemanden, der ihn führt. Jemanden, der weiß, was er tut, oder bereit ist, es zu lernen.
Nur eines dürfen wir nicht verlangen: dass sein Wesen dort aufhört, wo unsere Bequemlichkeit beginnt.
Auf dem Foto: Paula (Altdeutsche „Tigerin“) & Emma ( Gelbbäckchen)