15/09/2026
„Sei niemals so streng wie in den ersten Wochen, nachdem ein Tierschutzhund eingezogen ist.“
Meine Worte. Nicht unbedingt mein Handeln.
Als Rudi bei uns einzog, war er ein schüchternes, zitterndes Bündel Haut und Knochen. Wir nannten ihn liebevoll die lange Rippe, den halben Hahn oder den zitternden Knochensack. Er kannte scheinbar nicht besonders viel von der Welt, war vorsichtig, zurückhaltend und konnte sich kaum zwei Meter von mir entfernen.
Er saß viel auf meinem Schoß, beobachtete die anderen Hunde und brauchte ungefähr zwei Wochen, bis er sich langsam aus seiner sicheren Position herauswagte und begann, mit der Gruppe zu interagieren.
Und dann ging es erstaunlich schnell.
Heute marschiert Rudi mit der Gang durchs Dorf, meistens vorneweg, als hätte er persönlich die Straßenverkehrsordnung verfasst und sämtliche Gehwege gekauft.
Vor ein paar Tagen stand ich jedenfalls auf dem Hof und dachte nur:
„Heidewitzka, Herr Kapitän. Das hat er jetzt gerade nicht gemacht.“
Doch.
Rudi hatte gerade beschlossen, einem vorbeilaufenden Kooikerhondje sehr deutlich mitzuteilen, dass es sich bitte von seinem Gehweg verpissen soll, und schoss dafür lautstark Richtung Hoftor.
Der einst schüchterne Tierschutzhund ist also endgültig Geschichte.
Auch innerhalb unserer Hundegruppe hat Rudi inzwischen durchaus eigene Vorstellungen davon, wie das Zusammenleben zu funktionieren hat. Er ist manchmal aufdringlich, frech und hat vermutlich regelmäßig Glück, dass die anderen Hunde ihn nicht immer ganz ernst nehmen. Besuch findet er mittlerweile spannend – gelegentlich etwas zu spannend. Und wenn irgendwo Wild unterwegs ist, erinnert er sich zuverlässig daran, dass unter dem inzwischen gut gefütterten Dackel immer noch ein Jagdhund steckt.
Kurz gesagt: Mittlerweile ist tatsächlich Erziehungsarbeit nötig.
Und genau das finde ich wichtig.
Denn eine schwierige Vorgeschichte ist für mich ein Grund, einen Hund zunächst besonders aufmerksam und individuell zu begleiten. Sie ist aber kein Grund, ihm dauerhaft Erziehung vorzuenthalten.
Hunde brauchen Sicherheit und verlässliche Bindungspartner. Sie brauchen aber ebenso Orientierung und vorhersehbare Strukturen. Klare Regeln stehen einer guten Beziehung deshalb nicht entgegen – im Gegenteil: Für ein soziales Lebewesen kann es entlastend sein zu wissen, was erwartet wird und welche Grenzen gelten.
Dabei bedeutet Erziehung für mich ausdrücklich nicht, einen Hund möglichst streng zu behandeln oder ständig zu kontrollieren.
Es geht vielmehr darum, ihm Fähigkeiten mitzugeben, die ihm ermöglichen, in unserem gemeinsamen Alltag möglichst souverän zurechtzukommen.
Dazu gehören zum Beispiel Frustrationstoleranz und Impulskontrolle.
Ein Hund muss nicht jeden Impuls unmittelbar ausleben können. Er darf lernen, dass er nicht jedem Wildtier hinterhergeht, nicht jeden Besucher anspringt, nicht jedem Hund ungefragt auf die Pelle rückt und dass ein „Nein“ nicht automatisch eine persönliche Lebenskrise bedeutet.
Frustration entsteht nun einmal dann, wenn ein Bedürfnis oder ein Ziel gerade nicht erfüllt werden kann. Diese Situationen vollständig aus dem Leben eines Hundes entfernen zu wollen, hilft ihm langfristig nicht unbedingt. Vielmehr kann ein Hund lernen, solche Momente auszuhalten und angemessen damit umzugehen. Auch Impulskontrolle – also die Fähigkeit, einer spontanen Handlung nicht sofort nachzugeben – ist ein wichtiger Bestandteil emotionaler Selbstregulation.
Natürlich muss all das zum jeweiligen Hund passen.
Genetik, Persönlichkeit, bisherige Erfahrungen, aktueller Stress, Trainingsstand und Situation spielen eine Rolle. Ein Hund, der gerade erst angekommen ist und kaum etwas kennt, braucht etwas anderes als derselbe Hund ein Jahr später, wenn er selbstbewusst mit erhobener Rute durchs Dorf zieht.
Und genau darin liegt für mich ein wichtiger Punkt:
Unsere Erwartungen dürfen sich verändern, wenn sich der Hund verändert.
Dem Rudi der ersten Wochen hätte ich vieles nicht zugemutet, was ich heute selbstverständlich von ihm erwarte.
Damals war meine Aufgabe vor allem:
Du bist sicher. Ich passe auf dich auf. Du darfst dir die Welt in Ruhe anschauen. Aber auch zu diesem Zeitpunkt gab es bereits Regeln und Strukturen zu Orientierung, vielleicht aber nicht in dem Umfang wie es heute der Fall ist.
Heute gehört genauso dazu:
Nein, du gehst jetzt nicht jagen.
Nein, du musst dem anderen Hund nicht zum zwölften Mal ins Gesicht springen.
Und:
Nein, Rudi. Der öffentliche Gehweg gehört überraschenderweise nicht dir.
Das ist für mich kein Widerspruch.
Im Gegenteil.
Es wäre unfair, Rudi heute immer noch ausschließlich als den armen, schüchternen Tierschutzhund zu behandeln, der einmal bei uns eingezogen ist. Denn damit würde ich übersehen, welche Entwicklung er gemacht hat.
Er ist sicherer geworden.
Er hat Vertrauen aufgebaut.
Er hat gelernt, sich in einer Hundegruppe zu bewegen.
Er erkundet selbstständig seine Umwelt.
Er hat eigene Ideen und davon eine ganze Menge.
Manche davon sind hervorragend, andere beinhalten möglicherweise das unerlaubte Verlassen des vorgesehenen Spaziergangsradius zum Zwecke der freien Entfaltung oder dem spaßigen Hetzen von irgendwas.
Gute Erziehung soll einen Hund dabei nicht kleinmachen. Idealerweise ermöglicht sie ihm sogar mehr Freiheit. Ein Hund, der seine Impulse regulieren kann und gelernt hat, sich an Grenzen zu orientieren, kann häufig deutlich mehr Freiräume bekommen als ein Hund, der permanent gemanagt oder angesprochen werden muss. Genau darin liegt ein wichtiger Zusammenhang zwischen Erziehung, Impulskontrolle und tatsächlicher Freiheit im Alltag.
Deshalb finde ich den Satz „Der kommt aus dem Tierschutz“ zwar wichtig, um Verhalten einzuordnen.
Aber er sollte nicht zum lebenslangen Etikett werden.
Die Vergangenheit eines Hundes verdient Berücksichtigung.
Seine Gegenwart aber auch.
Und in Rudis Gegenwart lebt inzwischen kein zitternder Knochensack mehr.
Da lebt ein ziemlich selbstbewusster, bald dreijähriger Dackelrüde mit jagdlicher Ambition, großem Mitteilungsbedürfnis, einer gewissen Neigung zur Aufdringlichkeit und einem Selbstverständnis, das ungefähr drei Nummern größer ist als sein Körper.
Also eigentlich:
ein ziemlich normaler Dackel.
Trotzdem hatte Hundsein Beratung und Betreuung mit der Einschätzung kurz nach seinem Einzug recht, dass das ein ziemlich guter Typ ist. Für einen Dackel ist er sehr leichtführig und ein wirklich angenehmer Zeitgenosse.
Das bezaubernde Foto hat Elke Vogelsang von Wieselblitz gemacht, die bietet auch Privatshootings an- schaut mal auf ihrer Homepage vorbei