10/10/2026
WIR SIND DIE GUTEN. SAGEN WIR.
Heute ist Welthundetag. Und wir müssen reden. Nicht über die Hunde, die wir lieben, sondern über die, die wir nicht mehr haben wollen.
„Er hat gebissen.“
„Unsere Kinder sind nicht mehr sicher.“
„Die Hundetrainerin sagt, da ist nichts mehr zu machen.“
„Das Ordnungsamt sagt, er muss weg.“
„Der zerrt an der Leine.“
„Der kommt ja in der Großstadt gar nicht zurecht, obwohl er von der Straße kommt.“
„Wir haben Angst.“
„Er attackiert uns grundlos.“
„Wir können nicht mehr.“
Bis zu 10 Abgabeanfragen pro Tag. Allein bei uns.
„Aber das sind doch hoffentlich Ausnahmen?“
Nein!
Das ist die Kehrseite unserer viel beschworenen Tierliebe.
Wir holen Hunde aus aller Welt, ohne zu fragen, ob sie in unserer Welt überhaupt zurechtkommen. Wir erwarten bedingungslose Liebe - aber unsere eigene hat Bedingungen.
Wir wollen Beschützer ohne Aggression. Spielgefährten ohne Grenzen. Seelentröster ohne eigene Sorgen. Familienmitglieder, die funktionieren.
Und wehe, sie tun es nicht!
Dann wird aus dem besten Freund ein Sicherheitsrisiko. Aus dem Familienmitglied ein Abgabeproblem. Aus dem Abgabehund ein Langzeitsitzer.
Und manchmal aus einem Verhalten ein Todesurteil.
Ja. Auch in Deutschland werden Hunde aufgrund ihres Verhaltens getötet - weil die spezialisierten Plätze lange schon besetzt sind. Weil eine Finanzierung nicht gesichert ist. Weil lieber der schnelle und bequeme Weg gewählt wird, anstatt die Verantwortung zu tragen.
Andere verbringen Jahre hinter Tierheimgittern. Nicht selten, weil Menschen ihre eigenen Grenzen erst erkennen, wenn der Hund seine längst erreicht hat.
Und dann klingelt bei uns das Telefon.
"Holt ihn ab - sofort! Wir haben Angst!" Am besten kostenlos bitte. Selbstverständlich rund um die Uhr. Und bitte dauerhaft.
Wir müssen absagen, weil alle Stuben voll sind oder weil ein weiterer Hund aktuell finanziell nicht drin ist? Dann wird manipuliert; es wird emotional erpresst und gedroht, das Tier beseitigen zu lassen, wenn wir es nicht aufnehmen.
Wir fahren in Haushalte, in denen Situationen eskaliert sind. Zu Hunden, die sich wehren, nach Hilfe schreien. Die drohen, kratzen und beißen. Zu Menschen, die verzweifelt sind und mitunter selbst nicht mehr wissen, wie sie mit ihrem Hund umgehen sollen. In Haushalte in die sich Behörden nicht trauen oder für die sie sich nicht zuständig fühlen. Die Leidtragenden sind immer die Tiere!
Das ist keine Aufgabe für einen gutwilligen Ehrenamtlichen mit Leine und einem Wochenendseminar.
Das erfordert Fachwissen, oft jahrelange Erfahrung, geeignete Ausrüstung, Sicherheitskonzepte und verantwortungsvolle Entscheidungen.
Und ausgerechnet wir müssen erklären, warum das nicht nebenbei, sofort und kostenlos funktioniert.
Wir sind müde.
Nicht von den Hunden.
Wir sind müde davon, was Menschen aus ihnen machen.
Müde von einer Gesellschaft, die Tiere zu Familienmitgliedern erklärt, sie zu Konsumgütern macht und loswerden will sobald sie unbequem werden.
Müde von vermeintlichen Experten, die vorschnell über das Schicksal eines Hundes urteilen, statt sein Verhalten verstehen zu wollen.
Müde davon, dass Aggressionsverhalten, das zum natürlichen Verhaltensrepertoire eines Hundes gehört, mit Boshaftigkeit verwechselt wird. Dass wir erst über Verantwortung sprechen, wenn längst etwas passiert ist.
Und vielleicht sind wir am meisten müde von der Selbstverständlichkeit, mit der Menschen ihre Verantwortung abgeben und erwarten, dass andere sie übernehmen.
Unwissenheit schützt vor Schaden nicht - Verantwortung muss getragen werden, egal wie schwer es fällt.
Was macht uns eigentlich zu guten Menschen?
Dass wir einen Hund "retten"? Ihm ein Dach über dem Kopf geben? Ihn Familienmitglied nennen? Oder zeigt sich unsere Menschlichkeit erst dann, wenn er nicht mehr unseren Erwartungen entspricht?
Wenn er Unsicherheiten hat. Wenn er herausfordernd wird. Wenn er Grenzen setzt. Wenn er uns mehr abverlangt, als wir erwartet haben.
Vielleicht sollten wir am Welthundetag endlich aufhören zu fragen, ob ein Hund gut genug für uns ist.
Und anfangen zu fragen, ob wir gut genug für einen Hund sind.
Denn Hundehaltung bedeutet hinzusehen, zu verstehen, sicher zu führen, Grenzen zu erkennen und ein Hundeleben lang dazuzulernen.
Wer dazu nicht bereit ist, sollte die Finger von einem Hund lassen, ganz gleich ob groß oder klein.
Ein Hund ist kein Versprechen auf ein unkompliziertes Leben.
Und Tierliebe ist kein Freibrief für Verantwortungslosigkeit.
Ein Hund schuldet uns kein "perfektes" Verhalten. Wir schulden ihm Verantwortung.
Gerade dann, wenn es schwierig wird.
Heute stehen wir für die Hunde auf, die an menschlichen Erwartungen gescheitert sind, obwohl sie niemals versprochen haben, diese zu erfüllen.
Für die, die warten. Die niemand mehr will. Die niemand versteht.
Und für jene, für die jede Hilfe zu spät kam.
Denn die Frage ist nicht, warum so viele Hunde nicht mehr in unsere Welt passen.
Die Frage ist, was wir aus dieser Welt gemacht haben, dass so viele Hunde darin scheitern.