10/06/2026
Der Wiegeschritt: Wenn aus vermeintlichem Schwung reine Spannung wird
Auf den ersten Blick wirkt es fast spektakulär: Das Pferd bewegt sich im Schritt gefühlt nach oben, hüpft leicht und bekommt eine Eigendynamik. Man könnte meinen, es entwickelt plötzlich Schwung. Doch als Ausbilderin sage ich ganz ehrlich: Das Gegenteil ist der Fall. Im Schritt gibt es biomechanisch keine Schwungphase, da die freie Schwebephase fehlt. Was sich wie Schwung anfühlt, ist blockierte Energie. Es ist ein festgehaltener, aufgeregter Schritt, der sich nach oben entlädt, weil er nicht nach vorne-unten durch den Körper fließen kann. Oft mischen sich kleine Trabtritte darunter. Das Pferd verliert den reinen Viertakt, weil es nicht loslässt.
Genau das war die Ausgangslage bei dem Pferd im Video. Der Schritt war von Anfang an unsere größte Baustelle. Er hat genetisch nicht den größten Schritt, aber sobald er im Körper loslässt, reicht seine Bewegung locker aus. Das Problem war rein die Anspannung, die sich sofort im Takt äußerte.
Die Verbesserung vom ersten Video bis zum aktuellen Stand ist grandios. Diese Veränderung ist nicht nur muskulär sichtbar, sondern betrifft den gesamten Körper. Das Pferd lernt, den Rücken herzugeben und die Bewegung von hinten nach vorne durchzulassen, anstatt sich in den Wiegeschritt zu flüchten.
Für mich war es jetzt ein entscheidender Meilenstein, ihn in einer fremden Halle zu reiten. Zu Hause zu entspannen ist das eine. Das Erlernte unter Ablenkung abzurufen, ist die wahre Kunst. Zu sehen, wie er sich in neuer Umgebung reguliert, macht mich sehr stolz.
Das Problem ist damit nicht dauerhaft gelöst, sondern ein fortlaufender Prozess. Wir müssen weiter daran arbeiten, dass er diese Ruhe überall behält. Besonders in einer Prüfung ist das eine enorme Herausforderung: Da habt ihr oft nur eine halbe Bahn oder ein „durch die ganze Bahn wechseln“ Zeit. Das sind wenige Sekunden. Es bleibt auf dem Turnier keine Zeit, das Pferd erst groß in die Entspannung zu reiten. Die Losgelassenheit muss auf den Punkt abrufbar sein. Genau deshalb ist die Basisarbeit in fremder Umgebung so wertvoll.