24/09/2026
QUALZUCHT IM FOKUS: DIE TRAGISCHEN FOLGEN DER MERLE-MAL-MERLE-VERPAARUNG („DOUBLE MERLE“)
Das hier gezeigte Bild (Screenshot: Screenshot_20260914_064852_Facebook.jpg) zeigt das traurige Schicksal eines sogenannten „Double Merle“ (reinerbiger Merle-Träger). Dieser Hund ist fast vollständig weiß, leidet unter Fehlbildungen der Augen und ist mit höchster Wahrscheinlichkeit taub oder hochgradig schwerhörig.
Die Ursache: Die gezielte oder fahrlässige Verpaarung zweier Hunde, die beide das Merle-Gen in sich tragen. Was von unseriösen Vermehrern oft als „seltene, exklusive Sonderfarbe“ (wie White Merle oder Lethal White) vermarktet wird, ist in Wahrheit das Ergebnis einer schwerwiegenden genetischen Fehlbildung – ein Lehrbuchbeispiel für Qualzucht.
🧬 GENETIK, ANATOMIE & PHYSIOLOGIE: WARUM FARBE ZUM MEDIZINISCHEN PROBLEM WIRD
Das Merle-Gen verursacht nicht einfach nur ein hübsches, geflecktes Fellmuster, sondern greift tief in die Embryonalentwicklung ein:
Der Mechanismus (SILV/PMEL17-Mutation): Die Merle-Zeichnung beruht auf einer Mutation im sogenannten PMEL-Gen. Dieses Gen ist für die Entwicklung und Funktion von Pigmentzellen (Melanozyten) verantwortlich.
Mischerbig (M/m – Heterozygot): Erbt ein Welpe das Merle-Gen nur von einem Elternteil, entsteht das typische, gescheckte Fell (Single Merle). Die Pigmentierung ist stellenweise aufgehellt, das Tier ist in der Regel gesund.
Reinerbig (M/M – Homozygot): Werden zwei Merle-Träger (M/m x M/m) verpaart, entstehen nach den Mendelschen Regeln zu 25 % reinerbige „Double Merles“ (M/M). Hier wird die Melaninbildung fast vollständig blockiert.
Warum Melanozyten lebenswichtig sind: Pigmentzellen geben nicht nur dem Fell Farbe. Sie sind essenzielle Bausteine im Innenohr (Stria vascularis) zur Aufrechterhaltung des elektrischen Potenzials für das Hören sowie in den Strukturen des Auges (Iris, Netzhaut, Aderhaut). Fehlen diese Zellen, verkümmern die Sinnesorgane bereits im Mutterleib.
⚠️ DIE MEDIZINISCHEN KONSEQUENZEN EINER „DOUBLE MERLE“-VERPAARUNG
Welpen aus einer Merle-mal-Merle-Verpaarung tragen ein enormes Risiko für irreversible Behinderungen:
Massive Augendefekte (Ophthalmologische Missbildungen): Die Tiere leiden häufig unter Mikrophthalmie (extrem verkleinerte, verkümmerte Augäpfel), Kolobomen (Spaltbildungen in Iris, Linse oder Netzhaut), Kernanomalien der Pupille (Corectopie) oder Linsenluxationen. Viele dieser Hunde werden bereits vollkommen blind geboren oder erblinden im jungen Alter.
Kongenitale Taubheit (Sensorineurale Anakusis): Da die Melanozyten in der Stria vascularis des Innenohrs fehlen, sterben die empfindlichen Haar-Sinneszellen im Hörorgan kurz nach der Geburt ab. Die Tiere sind lebenslang taub – häufig sogar beidseitig.
Extreme Haut- und UV-Empfindlichkeit: Durch den Mangel an schützendem Melanin in Haut und Nasenschwamm sind diese Hunde extrem anfällig für Sonnenbrände, chronische Hautentzündungen (aktinische Dermatitis) und ein massiv erhöhtes Risiko für Hautkrebs (Plattenepithelkarzinome).
Hohe Embryonale Sterblichkeit: Viele M/M-Föten sterben bereits vor der Geburt im Mutterleib ab oder kommen als Totgeburten zur Welt.
🏥 DIAGNOSTIK UND DIE GEFAHR DES „CRYPTIC MERLE“
Gentests sind Pflicht: Nicht jeder Merle-Hund ist optisch sofort als solcher erkennbar. Beim sogenannten „Cryptic Merle“ (Phantom-Merle) ist die Merle-Zeichnung im Fell optisch unsichtbar. Werden zwei Hunde ohne vorherigen Gen-Test verpaart, kann es unbewusst zu einer Katastrophe im Wurf kommen. Seriöse Zuchthygiene erfordert zwingend einen DNA-Test auf die Länge des Merle-Allels vor jeder Verpaarung.
Klinische Diagnostik: Bei betroffenen Welpen müssen umgehend eine audiometrische Untersuchung (AEP/BAER-Test zur Ermittlung der Hörfähigkeit) sowie eine eingehende spaltlampenmikroskopische und ophthalmoskopische Untersuchung der Augen durchgeführt werden, um das Ausmaß der Sinnesschäden festzustellen.
MERLE X MERLE IST REINE QUALZUCHT UND NACH § 11b TIERSCHUTZGESETZ VERBOTEN!
In Deutschland ist die Verpaarung zweier Merle-Träger gemäß § 11b des Tierschutzgesetzes (Qualzuchtparagraf) ausdrücklich verboten, da wissentlich die Geburt kranker, sinnesgeschädigter Tiere in Kauf genommen wird. Leider umgehen dubiose Händler und Vermehrer im Ausland diese Gesetze noch immer, um mit angeblich "seltenen, weißen Traumhunden" Geld zu machen.
Ein Hund definiert sich nicht über eine Modefarbe! Wer das Risiko eingeht, taube und blinde Lebewesen zu produzieren, nur um eine bestimmte Optik zu erzielen, handelt grob fahrlässig und verstößt gegen jegliche Ethik des Tierschutzes.
Kaufen Sie niemals Welpen aus unkontrollierten Verpaarungen und unterstützen Sie keine Modefarben-Zuchten ohne nachweisliche Gentests der Elterntiere!
Euer Team der Tierarztpraxis Ullmann 🐾
🌐 www.ullmann-tierarzt.de
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