28/07/2026
Umgerichtetes Verhalten
Ich hatte in letzter Zeit gleich mehrere Aufträge für Coachings mit (meist jungen) Hunden, die in aufregenden Momenten ihre Menschen angingen. Entweder, weil die Bezugspersonen den Hund im aufgeregten Verhalten (in die Leine springen, kopflos herumrennen, im Haus Möbel ankauen, bellen,…) einschränken wollten, oder die Hunde in der Überforderung direkt am Menschen hochsprangen, mit oder ohne Zahneinsatz.
Wenn vorher schon andere TrainerInnen da waren, war deren Einschätzung immer: Der ist frech, einfach nur pubertär, den musst du ordentlich und deutlich in die Schranken weisen (inkl. stundenlanges Anbinden und Ignorieren im Haus!). Was zur Folge hatte, dass die Arme und Beine der HundehalterInnen weiterhin übel zerkratzt und zerbissen waren, und das umgerichtete Verhalten trotzdem immer schlimmer wurde.
Warum?
Ich vergleiche das Hundeverhalten gerne mit einem Eisberg, bei dem die Spitze aus dem Wasser schaut. Die Spitze symbolisiert das, was wir sehen: Das Verhalten des Hundes.
Doch unter der Wasseroberfläche ist der Eisberg noch ein x-faches grösser. Dieser unsichtbare Teil beinhaltet Dinge wie: Aktuelles Befinden, Emotionen, Gesundheitszustand, Lebenserfahrungen, Auslösereize, genetische Dispositionen, und vieles mehr.
Und dieser grosse Teil unter der Oberfläche repräsentiert die Gründe und Ursachen für das sichtbare Verhalten. Wenn ich also nur am Verhalten herumpickle (Symptome versuche zu verändern), kommt immer mehr vom Eisberg an die Oberfläche. Gleichzeitig wächst er auch unter Wasser weiter.
Viel sinnvoller ist es doch, die Ursachen, Gründe, Emotionen und Auslöser zu erkennen, zu berücksichtigen und dann zu bearbeiten.
Bei meinen Fällen waren Unsicherheit, Überforderung und bei Tierschutzhunden zusätzlich fehlende Erfahrungen die Gründe für die Aufregung und schlussendlich auch das umgerichtete Verhalten am Menschen.
Erfolgsversprechende Massnahmen in diesen Fällen sind: gesundheitliche Abklärung, ganzheitliche Stressreduktion, Überforderung möglichst vermeiden (und wenn‘s doch mal passiert: ruhig aus der Situation gehen), viel wohlwollende positive Qualitätszeit mit dem Menschen und das Unterlassen von harrschen Korrekturen.
Denn mit einem ruhigeren, sichereren, fröhlicheren Hund lösen sich viele problematische Verhaltensweisen oft von selber auf. Am Verhalten „Mensch anspringen bei Überforderung“ kann noch ganz gezielt trainiert werden (natürlich nicht mit aggressiven Korrekturen), zusätzlich zum generellen Erarbeiten von Beruhigungsstrategien, Alternativverhalten und Notfallritualen.
Am besten geht das mit Hilfe einer/s kompetenten TrainerIn.
https://www.gewaltfreies-hundetraining.ch/hundeschulen/