23/06/2026
So wahr…
Nur weil du lobst, heisst das nicht, dass es deinem Hund etwas bedeutet.
Die Beziehungsstruktur ist ein wesentlicher Bestandteil jedes sozialen Lebewesens. Man unterscheidet symmetrische und komplementäre Beziehungen. Symmetrische Beziehungen sind auf Augenhöhe: jede Seite trifft eigenständig Entscheidungen, Probleme werden besprochen, Lösungen gemeinsam abgewogen. Komplementäre Beziehungen sehen anders aus. Eine Person trägt die Verantwortung, die andere folgt. So ist es zwischen Chef und Personal, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrer und Schüler. Wer mehr Verantwortung trägt, übernimmt automatisch auch mehr Pflichten.
Durch Social Media, Filme und Bücher hat sich eine romantische Vorstellung festgesetzt: auf Augenhöhe sein, durch dick und dünn, beste Freunde. Klingt schön. Mit manchen Hunden funktioniert das vielleicht sogar. Mit vielen funktioniert es nicht. Und meistens trägt der Hund die Folgen davon. Wir leben in einer Welt, die für Menschen gemacht ist, nicht für Hunde, und ein Hund trifft seine Entscheidungen nicht automatisch so, wie wir uns das wünschen. Hunde handeln zielgerichtet und nutzen, was für sie funktioniert. Das wird dabei oft übersehen.
Der Hund bleibt mit seinen eigenen Fragen häufig allein. Das beginnt schon beim Einzug. Egal ob Welpe oder Tierschutzhund, oft darf der Hund von Anfang an alles entscheiden, alles ausprobieren. Nach einigen Monaten merkt man dann, dass genau das, was am Anfang noch niedlich wirkte, in eine Richtung kippt, die niemand wollte. Es folgt die Suche: eine Hundeschule nach der anderen, eine Methode nach der anderen, von bedingungslosem Loben bis zu unangemessener Härte. Was dabei fast nie zur Sprache kommt, ist die Beziehungsstruktur selbst. Welche Haltung hat der Mensch dem Hund gegenüber? Welchen Status nimmt der Hund in dieser Beziehung ein? Schaut der Mensch seinen Hund nur noch verliebt an und sucht für jedes Verhalten eine Entschuldigung? Bietet er für jedes Problem sofort eine Lösung an, oder fragt er ständig nach, was für den Hund gerade noch in Ordnung ist, statt selbst eine Linie zu ziehen?
Grenzen beim Hund zu respektieren ist wichtig. Genauso wichtig ist es, dass der Hund auch soziale Grenzen erfährt. Mit ihm gemeinsam unangenehme Gefühle durchstehen. Immer wieder Nein sagen, auch beim fünfzigsten Versuch. Ernst, ehrlich, fair.
Erst wenn du für deinen Hund ein verlässlicher Sozialpartner bist, jemand, an den er sich wendet, wenn es Probleme gibt, wirkt auch dein Lob wirklich. Lobst du deinen Hund für jede Kleinigkeit, beiläufig und ohne es so zu meinen, oder kommt dein Lob von innen, ehrlich, weil du dich tatsächlich freust? Genauso bei Korrekturen. Wenn du für deinen Hund kein verlässlicher Sozialpartner bist, hast du auch nicht die Position, ihn zu korrigieren, selbst wenn sein Verhalten in einer Situation unangemessen ist.
Hundeerziehung ist Arbeit. Sie ist anspruchsvoll und fordert etwas von dir. Und trotzdem ist sie etwas Schönes. Frag dich also: Nimmt dein Hund dein Lob überhaupt wahr?
Folge mir für mehr Klarheit über Begriffe in der Hundeerziehung, die ständig missverstanden werden.