19/08/2026
Vor Kurzem lernte ich eine junge Hündin kennen. Neun Monate alt, freundlich, neugierig und ziemlich begeistert vom Leben. Vor unserer ersten gemeinsamen Trainingsstunde war sie mit ihrer Halterin bereits ungefähr eine Stunde spazieren gewesen. «Damit sie schon ein bisschen müde ist.» Ein nachvollziehbarer Gedanke? Schliesslich hören wir gerade bei jungen, aktiven Hunden immer wieder, wie wichtig ausreichend Bewegung und Beschäftigung sind. Und tatsächlich wirkte die Hündin alles andere als müde. Sie sprang hoch, wurde zunehmend hektisch, biss immer wieder in die Leine und ihre Aufmerksamkeit sprang von einem Reiz zum nächsten. Ruhig irgendwo stehen? Schwierig. Konzentration? Nur für kurze Zeit.
Gleichzeitig gab sie sich unglaublich viel Mühe. Sie machte bei unseren Übungen mit, liess sich auf neue Aufgaben ein und versuchte immer wieder, sich auf ihre Halterin zu konzentrieren. Man hätte sie beobachten und zu einem ziemlich naheliegenden Schluss kommen können: Dieser Hund hat wirklich unglaublich viel Energie.
Doch das, was wir da sahen, war etwas anderes. Dieser junge Hund war schlicht müde und mit den vielen Eindrücken und Aufgaben zunehmend überfordert. Und genau hier beginnt eines der häufigsten Missverständnisse im Zusammenleben mit jungen, aktiven Hunden.
Nach müde kommt doof!
Wir Menschen haben eine recht klare Vorstellung davon, wie Müdigkeit aussieht. Man wird langsamer, gähnt, legt sich hin und schläft irgendwann ein. Also erwarten wir etwas Ähnliches von unseren Hunden. Ein müder Hund müsste demnach nach einem langen Spaziergang zufrieden nach Hause kommen, sich in sein Körbchen legen und schlafen.
Manche Hunde tun genau das. Andere nicht.
Gerade junge Hunde können bei zunehmender Müdigkeit zunächst genau das Gegenteil zeigen. Sie werden unruhiger, hektischer und impulsiver. Die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, Reaktionen können heftiger werden und die Fähigkeit zur Selbstregulation lässt nach. Das Phänomen kennen viele Menschen von übermüdeten kleinen Kindern. Ein Kind, das dringend schlafen müsste, liegt nicht unbedingt friedlich gähnend im Bett. Vielleicht rennt es stattdessen durchs Wohnzimmer, weint wegen einer Kleinigkeit oder scheint plötzlich überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen zu können. Nicht obwohl es müde ist, sondern gerade weil es müde ist.
Bei Hunden können Überforderung und Müdigkeit ebenfalls erstaunlich aktiv aussehen. Manche beginnen in die Leine oder Kleidung zu beissen, springen ihre Menschen an, rasen herum oder reagieren plötzlich deutlich stärker auf andere Hunde, Menschen und Bewegungsreize. Andere schnüffeln hektisch, nehmen ständig Dinge ins Maul, kratzen sich oder wechseln scheinbar planlos zwischen verschiedenen Verhaltensweisen. Auch Signale, die normalerweise problemlos funktionieren, können plötzlich kaum noch umgesetzt werden.
Solche Verhaltensweisen werden häufig als Übersprungshandlungen bezeichnet. Wichtig ist dabei allerdings, nicht jedes Kratzen, Anspringen oder Leinenbeissen automatisch als Zeichen einer Überforderung zu interpretieren. Verhalten muss immer im Kontext betrachtet werden. Entscheidend ist das Gesamtbild: Wann tritt das Verhalten auf? Was ist vorher passiert? Wie verändert sich der Hund im Laufe einer Aktivität? Und was passiert, wenn er Gelegenheit bekommt, zur Ruhe zu kommen?
«Der muss sich mal richtig auspowern.»
Wenn ein junger Hund nach einem Spaziergang noch immer durchs Wohnzimmer rast, liegt ein Gedanke nahe: Offenbar war es noch nicht genug. Also wird die Runde etwas länger. Vielleicht kommt noch eine Spielrunde dazu, ein bisschen Training oder eine zusätzliche Beschäftigung für den Kopf. Schliesslich möchte man seinem Hund gerecht werden und dafür sorgen, dass er körperlich und geistig ausgelastet ist. Das ist meist gut gemeint. Es kann aber dazu führen, dass wir genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir eigentlich möchten.
Denn ein Hund, der immer unruhiger wird, hat nicht zwangsläufig überschüssige Energie. Er kann genauso gut Schwierigkeiten damit haben, nach all den Eindrücken wieder herunterzufahren. Bieten wir in diesem Zustand noch mehr Aktivität an, kommen weitere Reize hinzu, die ebenfalls verarbeitet werden müssen. Der Hund wird noch unruhiger und bestätigt damit scheinbar unsere ursprüngliche Annahme: Dieser Hund braucht wirklich wahnsinnig viel Beschäftigung. So entsteht schnell ein Kreislauf. Wir interpretieren Unruhe als Unterforderung und reagieren darauf mit mehr Auslastung. Die zusätzliche Auslastung erhöht wiederum Erregung und Belastung, der Hund wird noch unruhiger und wir erhöhen erneut das Programm.
Irgendwann ist der Hund vielleicht körperlich erschöpft. Entspannt ist er deshalb aber noch lange nicht.
Ein Spaziergang ist mehr als Bewegung
Wie anstrengend eine Aktivität für einen Hund ist, lässt sich nicht allein daran messen, wie lange wir unterwegs waren oder wie viele Kilometer wir zurückgelegt haben. Während wir gemütlich durch den Wald spazieren, verarbeitet unser Hund eine enorme Menge an Informationen. Er nimmt Gerüche und Geräusche wahr, entdeckt Wildspuren, beobachtet Menschen und andere Hunde, reagiert auf Velos oder Fahrzeuge und kommuniziert gleichzeitig mit uns. Vielleicht soll er zwischendurch an lockerer Leine laufen, einen Rückruf ausführen oder an einem anderen Hund vorbeigehen. Eine neue Umgebung bringt noch einmal eine ganze Reihe zusätzlicher Eindrücke mit sich. Zwanzig Minuten in einer reizintensiven Umgebung können deshalb für einen Hund wesentlich anspruchsvoller sein als eine Stunde entspannter Spaziergang an einem vertrauten Ort.
Gerade bei jungen Hunden kommt hinzu, dass ihre Fähigkeit zur Selbstregulation noch in Entwicklung ist. Sie lernen ständig: Welche Reize sind wichtig? Wie gehe ich mit Frust um? Was mache ich, wenn etwas aufregend oder beängstigend ist? Welche Regeln gelten in welcher Situation? Wie kommuniziere ich mit meinem Menschen? Ein junger Hund entdeckt nicht einfach nur die Welt. Er muss gleichzeitig lernen, mit all den Informationen umzugehen, die diese Welt ihm liefert.
Das kostet Kapazität.
Mehr Auslastung macht nicht automatisch einen ausgeglicheneren Hund
Natürlich brauchen junge Hunde Bewegung und Beschäftigung. Sie sollen ihre Umwelt kennenlernen, spielen, schnüffeln, entdecken, lernen und ihren Körper benutzen dürfen. Es wäre deshalb genauso falsch, aus Angst vor Überforderung jede Form von Aufregung und Aktivität zu vermeiden. Das Ziel ist nicht ein möglichst reizarmes Hundeleben. Entscheidend ist vielmehr, eine Balance zwischen Aktivität und Erholung zu finden – und diese Balance sieht nicht für jeden Hund gleich aus.
Der eine Hund verarbeitet einen aufregenden Ausflug problemlos und ist am nächsten Tag wieder bereit für das nächste Abenteuer. Ein anderer braucht danach deutlich mehr Ruhe. Der eine liebt neue Umgebungen, während ein anderer schon einen Spaziergang durch eine belebte Innenstadt enorm anspruchsvoll findet. Manche Hunde können nach einer Trainingseinheit problemlos abschalten, andere brauchen Unterstützung dabei, wieder in einen ruhigeren Zustand zu finden.
Deshalb halte ich wenig von pauschalen Angaben darüber, wie viele Minuten ein junger Hund spazieren gehen darf oder wie viele Stunden Beschäftigung er pro Tag benötigt. Alter, Charakter, Genetik, Gesundheitszustand, bisherige Erfahrungen, Umwelt und individuelle Regulationsfähigkeit spielen dabei eine viel zu grosse Rolle.
Die interessantere Frage lautet nicht: Wie viel Auslastung braucht ein neun Monate alter Hund?
Sondern: Wie geht es diesem Hund mit dem, was wir gerade von ihm verlangen?
«Aber sie wollte doch noch!»
In unserer Trainingsstunde war genau das besonders eindrücklich. Die junge Hündin war müde und zeigte zunehmend Verhaltensweisen, die auf Überforderung hindeuteten. Trotzdem machte sie weiter mit. Und sie machte es richtig gut! Sie nahm Futter, probierte Dinge aus und liess sich immer wieder auf ihre Halterin ein. Hätte man nur darauf geschaut, hätte man problemlos sagen können: Sie hat doch noch Spass. Sie will doch noch.
Doch ein Hund, der noch mitmacht, ist nicht automatisch ein Hund, der noch ausreichend Kapazität für weitere Aktivität hat.
Auch ein müder Hund kann einem Ball hinterherrennen. Er kann weiterlaufen, Futter suchen, auf Signale reagieren und begeistert wirken, wenn wir die nächste Aktivität anbieten. Gerade bei Beschäftigungen, die ohnehin ein hohes Erregungsniveau erzeugen, kann das vermeintliche «Der will noch!» sogar besonders überzeugend aussehen. Deshalb sollten wir nicht nur darauf achten, ob ein Hund körperlich noch weitermachen kann. Wir sollten auch beobachten, wie sich sein Verhalten im Laufe einer Aktivität verändert. Wird er hektischer? Fällt ihm Konzentration zunehmend schwer? Reagiert er plötzlich stärker auf seine Umwelt? Werden Bewegungen fahriger? Tauchen Verhaltensweisen auf, die wir zu Beginn des Spaziergangs oder Trainings noch nicht gesehen haben? Kann er Pausen überhaupt noch annehmen?
Das sind häufig viel interessantere Informationen als die Frage, ob er noch einem Ball hinterherrennen würde.
Erholung gehört zur Auslastung
Wenn wir über ein erfülltes Hundeleben sprechen, denken wir schnell an körperliche und geistige Beschäftigung: Spaziergänge, Training, Nasenarbeit, Sozialkontakte, Ausflüge und gemeinsame Abenteuer. Erholung wird dagegen manchmal behandelt wie die Zeit zwischen den eigentlich wichtigen Dingen. Dabei ist sie ein wesentlicher Teil davon.
Nach aufregenden Erlebnissen braucht der Organismus Gelegenheit, wieder in einen ruhigeren Zustand zurückzukehren. Erfahrungen werden verarbeitet, Gelerntes kann sich festigen und der Körper bekommt Zeit zur Regeneration. Ein Alltag, in dem ständig etwas passiert und auf einen Reiz bereits der nächste folgt, bietet dafür wenig Raum. Das bedeutet nicht, dass ein Hund nach jedem Spaziergang sofort mehrere Stunden schlafen muss. Auch Ruhe lässt sich nicht an einer festen Zahl festmachen. Viel wichtiger ist, ob ein Hund grundsätzlich in der Lage ist, zwischen Aktivität und Erholung zu wechseln. Manche Hunde können das von sich aus sehr gut. Andere brauchen Unterstützung. Eine ruhige Umgebung, verlässliche Abläufe, bewusst eingeplante Pausen, weniger Programm nach aufregenden Erlebnissen oder auch einmal ein unspektakulärer Tag können dabei helfen.
Und manchmal besteht unsere Aufgabe schlicht darin, rechtzeitig zu erkennen: Für heute war das genug.
Nicht mehr, sondern passender
Vielleicht lebt bei dir ebenfalls ein junger Hund, von dem du manchmal glaubst, seine Energie würde niemals enden. Vielleicht wird er gegen Ende eines Spaziergangs immer wilder, dreht nach Ausflügen zu Hause erst richtig auf oder beginnt irgendwann, in die Leine zu beissen, dich anzuspringen oder plötzlich auf alles um ihn herum zu reagieren. Dann muss die Antwort nicht automatisch mehr Auslastung sein.
Es kann sich lohnen, genauer hinzuschauen: Wann beginnt das Verhalten? Was ist an diesem Tag bereits passiert? In welcher Umgebung wart ihr unterwegs? Wie gut kann dein Hund während und nach einer Aktivität zur Ruhe kommen? Und verändert sich sein Verhalten, wenn ihr das Programm bewusst reduziert? Es geht dabei nicht darum, jeden wilden Moment als Überforderung zu interpretieren oder einen jungen Hund in Watte zu packen. Junghunde dürfen wild sein. Sie dürfen rennen, spielen, entdecken, Grenzen ausprobieren und manchmal auch einfach ziemlich albern sein. Wir sollten nur lernen, zwischen einem Hund zu unterscheiden, der gerade voller Tatendrang ist, und einem Hund, dessen System eigentlich längst nach einer Pause ruft.
Ein ausgeglichener Hund entsteht nicht dadurch, dass wir jede freie Minute mit Auslastung füllen. Und vielleicht ist eine der wichtigsten Fähigkeiten im Zusammenleben mit einem jungen Hund deshalb nicht, immer neue Beschäftigungsideen zu finden.
Sondern zu erkennen, wann es genug ist.
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