11/05/2026
Das Schweizer Hundesymposium vom 9. und 10. Mai 2026 in Hünenberg hat eindrücklich gezeigt, wie lebendig, spannend und gleichzeitig anspruchsvoll die Diskussionen rund um Sozial-, Therapie- und Schulhunde geworden sind. Eröffnet wurde das Symposium von Antonia Limacher, ehemals Duo Fischbach, welche als Schirmherrin des Sozialhundeteams der Hundeschule Wolfsrudel tätig ist. Bereits die Eröffnung machte deutlich, wie wichtig Begegnung, Austausch und professionelle Weiterentwicklung im Bereich der tiergestützten Arbeit geworden sind.
Während zwei Tagen trafen Fachpersonen, Wissenschaftler, Hundehalterinnen und Hundehalter sowie Interessierte aufeinander, um Wissen auszutauschen, Fragen zu stellen und auch kritisch hinzuschauen. Trotz der fachlichen Tiefe herrschte während des gesamten Symposiums eine entspannte, ruhige und wertschätzende Atmosphäre, welche von vielen Teilnehmenden besonders geschätzt wurde. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv. Viele beschrieben die Vorträge und Diskussionen als inspirierend, horizonterweiternd und teilweise auch bewusst herausfordernd.
Bereits die ersten wissenschaftlichen Vorträge machten deutlich, dass wir über Hunde zwar viel wissen – aber vermutlich noch längst nicht alles verstehen. Besonders die Erkenntnisse rund um Wahrnehmung, Orientierung und Emotionen regten zum Nachdenken an. Immer wieder stellte sich die Frage, ob Hunde Gefühle möglicherweise intensiver oder zumindest anders wahrnehmen als wir Menschen. Haben Hunde allenfalls zusätzliche Wahrnehmungsformen oder emotionale Prozesse, die wir so gar nicht kennen oder bisher unterschätzt haben? Genau diese offenen Fragen machten deutlich, weshalb Wissenschaft und Praxis weiterhin eng zusammenarbeiten müssen.
Einen wichtigen Beitrag leistete auch die Organisation Schulhunde Schweiz. Sie zeigte auf eindrückliche Weise, was einen guten Schulhund tatsächlich ausmacht – und ebenso, was ein Schulhund eben nicht ist. Deutlich wurde, dass der Einsatz eines Hundes im Schulalltag niemals eine bequeme Lösung dafür sein darf, den eigenen Hund während der Arbeitszeit einfach mitnehmen zu können, damit keine Fremdbetreuung notwendig wird. Vielmehr braucht es Fachwissen, Verantwortung und ein tiefes Verständnis für die Belastbarkeit und Bedürfnisse des Hundes.
Besonders eindrücklich war auch der Vortrag von Udo Gansloßer. Er sprach über sichere Bindung, Stabilität und darüber, wie stark viele Hunde heute überbehütet werden. Dabei verwendete er das Bild der sogenannten „Rasenmäher-Eltern“ – Menschen, die ihrem Nachwuchs jeden Grashalm abschneiden, damit dieser ja nicht stolpert. Genau darin liege jedoch ein Widerspruch: Einerseits nehme man dem Hund ständig Entscheidungen ab und schütze ihn vor jeder Unsicherheit, andererseits erwarte man später selbstständiges und stabiles Verhalten. Auch die zunehmende Vermenschlichung des Hundes wurde kritisch beleuchtet. Zu viele Aktivitäten, nicht angepasste Ausflüge oder emotionale Zuschreibungen würden häufig mehr dem menschlichen Bedürfnis dienen als dem Wohlbefinden des Hundes. Gerade die anthropomorphe Sichtweise könne problematisch sein. Gleichzeitig wurde aber auch darauf hingewiesen, dass eine rein anthropozentrische Haltung – also das ausschliessliche Denken aus menschlicher Perspektive – für Tiere ebenfalls erhebliche Gefahren mit sich bringen kann.
Für grosse Begeisterung sorgte auch der Vortrag von Leopold Slotta-Bachmayr mit dem Titel „Es sieht so einfach aus – und trotzdem ist es brutal anstrengend“. Viele Teilnehmende bezeichneten diesen Vortrag als eines der Highlights des Symposiums, da er eindrücklich aufzeigte, wie anspruchsvoll tiergestützte Arbeit tatsächlich sein kann – sowohl für Mensch als auch Hund.
Ein weiterer Höhepunkt war die Podiumsdiskussion, welche durch Beat Eichenberger geleitet wurde. Unterschiedliche Fachpersonen diskutierten offen über Chancen, Grenzen und zukünftige Entwicklungen der tiergestützten Arbeit. Gerade diese Mischung aus Wissenschaft, Praxis und kritischer Reflexion wurde von vielen Besucherinnen und Besuchern als besonders wertvoll empfunden.
Im Verlauf des Symposiums wurden zahlreiche weitere spannende Themen behandelt. Diskutiert wurde über Stress, Ethik, Grenzen und Chancen der tiergestützten Intervention sowie über Aktivierungsarbeit mit Hunden. Immer wieder stand dabei die zentrale Frage im Raum, wie eine echte Win-Win-Situation geschaffen werden kann, bei der sowohl Mensch als auch Hund profitieren. Fachpersonen, Wissenschaft und Teilnehmende waren sich weitgehend einig, dass dies nur über qualitativ hochwertige und professionell überwachte Ausbildungen möglich ist.
Auch das Thema Ausbildungsqualität sorgte für intensive Diskussionen. Mehrere Referierende betonten, dass es dringend verbindliche Qualitätsstandards und unabhängige Zertifizierungsstellen brauche. Einigkeit herrschte darüber, dass an anerkannten Zertifizierungen wie ESAAT oder ISAAT langfristig kaum ein Weg vorbeiführt, wenn tiergestützte Arbeit seriös und nachhaltig aufgebaut werden soll. Derzeit erfüllen die Hundeschule Wolfsrudel sowie die Ausbildung „Tierisch gut lernen“ von Barbara Rufer mindestens eine dieser Anforderungen. Gleichzeitig wurde der Wunsch geäussert, dass künftig weitere Ausbildungsstätten nachziehen und gemeinsam dazu beitragen, die Qualität im Bereich Therapie-, Sozial- und Schulhunde auf ein Niveau zu bringen, das nicht nur den Menschen, sondern auch den eingesetzten Hunden gerecht wird. Denn leider gebe es nach wie vor unseriöse Angebote, welche Ausbildungen im Wochenendformat anbieten würden – selbst für Hunde, die später in sensiblen tiergestützten Settings arbeiten sollen.
Den Abschluss des Symposiums bildete ein spannender Einblick in das Zusammenspiel von Haut, Psyche, Ernährung und Allergien mit Claudia Nett. Dabei wurde nochmals deutlich, wie eng körperliches und psychisches Wohlbefinden miteinander verbunden sind – auch beim Hund.
Alles in allem war das Schweizer Hundesymposium 2026 weit mehr als nur eine Fachveranstaltung. Es war ein Ort des Austauschs, des kritischen Hinterfragens und des gemeinsamen Weiterdenkens. Viele Teilnehmende verliessen Hünenberg nicht nur mit neuem Wissen, sondern auch mit neuen Fragen, neuen Ideen und dem Wunsch, die Zukunft der tiergestützten Arbeit aktiv mitzugestalten.
Und genau deshalb geht es weiter: Bereits heute freuen wir uns auf das nächste Schweizer Hundesymposium am 25. und 26. März 2028. Dann widmen wir uns dem Thema „Hundepsychologie und Ausdrucksverhalten“ – einem Bereich, der ebenso faszinierend wie komplex ist und sicherlich erneut viele spannende Diskussionen auslösen wird.