30/09/2026
30. September. 5 Jahre Edna. Der Hund, mit dem alles anfing. Dabei wollte ich gerade überhaupt keinen dritten Hund. Falls überhaupt jemals wieder.
Man sieht ja, was daraus geworden ist.
Es war ein Zufall. Irgendwann nachts. Ein Facebookposting einer mir damals gänzlich unbekannten Amerikanerin, die Hilfe suchte. Ein Wurf Junghunde aus der Ukraine, aus dem zerbombten Kyiv, sollte irgendwie in die USA, man wusste nur nicht wie. Ich war mir sicher: wenn nicht über Polen, müssen sie über Wien. Vielleicht kann ich helfen.
Eigentlich hatte es schon etwas früher angefangen. Mein Interesse an Zucht und Populationsgenetik und so eine erste, zaghafte Beschäftigung mit seltenen Rassen und austrocknenden Genpools. Ein special interest Hobby, mit dem man am Spielplatz und in der KindergartenelternWhats App Gruppe nicht wahnsinnig punktet. Statt Best of Milchflascherlmarken fand ich genetische Flaschenhälse einfach interessanter.
Und dann kam ein Krieg. Heutzutage medial fast live mitzuerleben. Von Wien aus näher als Vorarlberg. Eine verstörende Vorstellung.
Kriege, Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen sind wesentliche Hauptgründe für Bottlenecks. Für betroffene Menschen und auch Tiere sind Kriege desaströs. Für Populationen mitunter die Auslöschung.
Es war eine Zeit, als Züchter in der nackten Panik ihre Hunde töteten oder ihre Pferde im Wald frei ließen. Chaos. Elend. Trauer.
Ich saß vorm Internet und sah bedrückt zu. Bissl spenden oder so kann man, aber was richtet man wirklich aus?
Tote Menschen, zerstörte Infrastruktur. Leid und Schmerz. Natürlich würd man gern helfen. Aber allen helfen kann man nicht.
Für seltene Rassen, egal welcher Tierart, oder für lokale Landschläge ein Desaster, womöglich die gesamte Population eines ganzen, so riesigen Landes zu verlieren.
Eigentlich. Eigentlich müsste man nicht die Welpen rausholen oder die Handicaptiere, sondern die Zuchttiere. Die ukrainischen Windhunde oder ein paar andere Rassen, die vorallem im Osten verbreiteter sind.
Ich würd das tun, denk ich. Man müsst fast. Wenn sich wer drauf einließe. Vielleicht eher was Kleineres als einen Hortoya, mehr so Whippetgröße oder darunter.
Aber ich red mir leicht, da vor dem Internet. Da kann man schnell gscheit sein. Das wird nie passieren. Ein nettes Gedankenspiel. Mehr nicht.
2 Tage später ist es doch passiert.
Ich sah ich den Hilferuf von Natalia. Und habe geantwortet. Als einziger Mensch von den 10.000en, die Post gesehen hatten, habe ich hinterher erfahren.
Selten. Kleineres mittelgroß. Ein wesentlicher Teil der Population lebt in der Ukraine, Weißrussland und Russland. Das ist dann womöglich alles weg. Unwiederbringlich.
Ich kannte die Rasse. Aus dem Hundebuch meiner Kindheit. An eine einzige Seite kann ich mich noch erinnern, so oft habe ich sie angesehen. Der Pharonenhund und der Cirneco dell'Etna (damals sagte ich auch noch Zirrnecko) waren auf dieser einen Seite zu sehen. Hunde, die so anders waren, als die, die ich bis dato kannte. Aus einer ganz anderen Welt.
Vor dem letzten Galgo hatte ich dann kurz mit einem Cirnecorüden aus dem deutschen Tierschutz geliebäugelt, der anderweitig unterkam. Ich hatte in Wahrheit noch nie einen real gesehen. Aber was ein bisschen wie ein Podenco ist, liegt mir bestimmt.
Ich bot mich als Pflegestelle an, Export in die USA würde bestimmt nicht ganz so einfach klappen. Ich habe viel mit Natalia telefoniert. Es klappte gar nicht.
Eine Planänderung musste her, die Junghunde in der EU vermittelt werden. Ob ich nicht einen wolle? Nein, danke, ich will keinen dritten Hund mehr fix. Ich nehm sie Euch gern für kurze Zeit auf, aber nicht für ewig. Und außerdem würd ich aktuell nur eine Hündin nehmen, die sind aber eh schon vergeben.
Am nächsten Tag bot Natalia mir eine Hündin an. Die mit Potential. Ich habe 3 Minuten nachgedacht. Es war ja auch gar nicht klar, ob sie es schaffen.
Zwar durften ukrainische Tiere durch einen Sonderentscheid der EU kurzzeitig auch ohne Tollwuttiter und jünger als 7 Monate gemeinsam mit ihrem Besitzer ausreisen, aber dazu musste der erst mal 1000 und mehr Kilometer durchs Kriegsgebiet. Mit rationiertem Benzin, ständigen Internetausfällen, täglich mehreren Luftalarmen und Stunden im Luftschutzkeller, mit desolaten Straßen, Landminen, Kampfdrohnen und Beschuss.
Natalia war besessen von ihrem Plan einer Freundin und einer geliebten Hunderasse zu helfen. Ich wollt auch etwas Vernünftiges tun. Also vernünftig aus bestimmten Blickwinkeln, aus vielen anderen war es das ja nicht.
Natalia flog von den USA aus nach Ungarn und klapperte mit den Leihauto 2 oder 3 Tage lang die ungarische, slowakische und rumänische Grenze ab.
Während Yuliya, Ednas Züchterin, versuchte, genug Benzinkanister aufzutreiben, um es bis zur Grenze und zurück zu schaffen. Zu welchem Grenzübergang auch immer, das war vorab nie so ganz sicher festzulegen. Sie musste mit ihren Tieren rüber dürfen.
Ich saß auf Abruf bereit, einen Hund wahrscheinlich in Ungarn zu holen, den ich nie gesehen hatte, auch nicht auf Fotos, und eine Frau zu treffen, die ich nur von nächtlichen Messengertelefonaten kannte.
Und dann kam der Anruf, sie hatten es geschafft, nach Tagen ohne Schlaf. Yuliya wollte ihre Familie, ihre verbleibenden Hunde nicht zurück lassen. Yuliya ging zurück in den Krieg.
Ich habe Yuliya nie gesehen, nie persönlich mit ihr gesprochen, aber sie ist ein großer Teil meines Lebens geworden. Eine Freundin mit der man via DeepL Übersetzungen schriftlich Kontakt hält. Yuliya ist unfassbar warmherziger Mensch. Und sie hat mir, ohne mich zu kennen, einen großen Schatz überlassen.
Freundschaft, Mut, Abenteuer, Loyalität. Das sind Natalia und Yuliya. Und das ist der Cirneco.
Ich habe einfach irgendeinen Hund abgeholt, von dem ich so wenig wusste, wie von diesen beiden Frauen.
Das war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.
Devana Felicitous, die fröhliche Göttin der Jagd, aka Edna, die Mutige. Mein erster Cirneco dell'Etna und der Anfang einer wilden Reise.
Ich habe versprochen, dass ich etwas aus ihr mache. Aber das hat Edna großteils allein geschafft. Sie war es, die mir neue Welten eröffnet hat. Ohne diesen Hund wär ich nie nach Sizilien gereist oder hätte generell eine ganze Menge nicht gemacht.
5 Jahre Edna.
Edna, ach Edna, die braucht niemandem mehr was beweisen, von Championtitel XY bis Weltmeistertitel 2025 iim Lure Coursing und BIF bei einer WM. Das hat sie so nebenbei gemacht, wie ihren ersten Wurf aufgezogen.
Edna feiert heute ihren 5ten Geburtstag. 5 1/2 Monate war sie, als ich sie bekam. Und seht, was sie aus mir gemacht hat: eine Besessene. Besessen von einer ganz wunderbaren Hunderasse. Getrieben von dem Gedanken, etwas zu erhalten.
Ich habe Yuliya und Natalia viel zu verdanken. Und Edna das Meiste.