14/10/2026
„Ich nehme die Welt ungefiltert wahr.” Das ist kein seichter Spruch, das ist Fijukas Veranlagung. Als Malinois ist er ein Hütehund, gezüchtet, sensibel auf geringste Reize zu reagieren. Was andere Hunde wegfiltern, kommt bei ihm ungebremst an. Das ist keine Nervosität, sondern seine Werkseinstellung.
Auf diese Veranlagung traf eine schwere Geschichte. Fijuka kam aus einer rumänischen Tötungsstation, über ein Shelter in ein erstes Zuhause, das so laut war, dass er drei Monate lang nicht mehr aus dem Haus ging. Seine Verhaltenstierärztin, die ich ins Boot holte, diagnostizierte eine soziale Phobie gegenüber Menschen und eine posttraumatische Belastungsstörung. Sein Nervensystem war nicht auf Ruhe eingestellt, sondern dauerhaft auf Alarm.
Als er mit elf Monaten bei mir einzog, hieß arbeiten deshalb erst einmal nicht trainieren, sondern Sicherheit vermitteln. Erst Regulation, dann alles andere, jeder Schritt erst dann, wenn er dazu bereit war.
Worauf ich von Anfang an geachtet habe, ist der Kipppunkt: der Moment, an dem aus Aufregung Überforderung wird. Ich bin selbst neurodivergent und kenne dieses Zu-voll-zum-Denken von innen, das hilft mir, es beim Hund früh zu sehen.
Heute interagiert Fijuka mit der Welt, statt vor ihr zu fliehen. Er wählt unsere Gassirouten selbst, baut eigene Distanz auf, und kommt mit dem Leben draußen wunderbar zurecht. Abends schnüffelt er durchs Dorf oder sortiert die Äpfel unterm Baum, weil er nun Hobbies hat.
Ehrlich bleibt auch das: Fertig ist er nicht. Autofahren geht bis heute nicht, und Spondylose und ein Vestibular-Schaden geben den Rahmen vor, was sein Körper mitmacht.
Und sein „Ankommen” ist nicht „er liebt jetzt alle”. Aus dem Hosenschei*er ist ein Haudegen geworden, einer mit viel Meinung, der genau weiß, dass Fremde an seinem Körper nichts zu suchen haben. Angekommen heißt nicht angepasst, sondern dass er heute selbst reguliert entscheiden kann. Und wenn ihm die Welt doch zu viel wird, steckt der Hund, der sich anfangs nicht anfassen ließ, die Nase unter meine Achsel.
Erkennst du diesen Moment wieder, in dem aus Aufregung bei deinem Hund plötzlich Überforderung wird?