15/08/2026
ISLANDHUND – „WOLLTE NUR BESCHEID GEBEN. JA. ZWEIMAL.“
Islandhund, isländischer Schäferhund, Islandspitz – ganz egal, wie man ihn nennt: Wenn dieser Hund irgendwo etwas bemerkt, bleibt es selten lange geheim. Denn der Isländer hat eine ziemlich ausgeprägte Vorstellung davon, was seine Aufgabe ist: mitbekommen, was passiert – und Bescheid sagen.
Auf den isländischen Höfen waren genau solche Hunde gefragt. Sie sollten Vieh finden und zusammentreiben, verlorene Schafe aufspüren, Bewegungen in der Umgebung wahrnehmen und ihren Menschen mitteilen, wenn irgendwo etwas passierte. Dafür mussten sie selbstständig arbeiten können und gleichzeitig eng mit ihren Menschen kooperieren. Ihre Nase, ihre Augen und vor allem ihre Stimme waren dabei wichtige Werkzeuge.
Doch hinter diesem eingebauten Nachrichtendienst steckt kein ernster kleiner Aufseher. Der Islandhund ist fröhlich, neugierig, verspielt und selbstbewusst. Er interessiert sich für seine Umgebung und möchte am liebsten überall dabei sein. Fremde Menschen werden häufig freundlich und interessiert begrüßt, und auch andere Hunde gehören für viele Isländer ganz selbstverständlich zum sozialen Leben.
Er ist also weniger der Typ: „Wer bist du und was willst du hier?“
Und eher: „Wer bist du? Was machen wir? Kann ich mitmachen?“
Dieses „Ich möchte dabei sein“ zieht sich durch sein ganzes Wesen. Der Islandhund kann ein echter Schatten seines Menschen sein und möchte drinnen wie draußen wissen, was gerade passiert. Gleichzeitig ist er intelligent, lernt schnell und arbeitet ausgesprochen gerne mit. Faire, freundliche Führung liegt ihm deutlich mehr als Druck oder grobe Korrekturen.
Zu seinem Melderepertoire gehört natürlich eine ausgeprägte Vokalität, die er gerne und mit Leidenschaft einsetzt. Ist der Isländer dabei dramatisch? Nein. Er ist eher nüchtern.
„Auf 14:30 kommt ein Hund, der nicht aus unserem Revier stammt“, informiert er sachlich, während Frauchen hektisch versucht, ihn vom Melden abzuhalten.
„Was ist denn jetzt schon wieder los?“, denkt der Mensch.
„Ich mache hier gerade meinen Job“, denkt der Hund.
Klassisches Missverständnis zwischen Mensch und Melder.
Dabei fällt die Vokalität individuell durchaus unterschiedlich aus. Manche Isländer melden Vögel, Menschen, andere Hunde oder Bewegungen ausgesprochen ausdauernd, andere sind im Alltag überraschend still. Die Tendenz zur Stimme gehört zur Rasse, die Intensität ist individuell.
Wird eine solche Information vom Menschen konsequent übergangen, kann aus einem kurzen Hinweis allerdings schnell eine ganze Berichterstattung werden. Noch ein Reiz, noch eine Meldung, noch ein Kommentar. Kommt zusätzlich Leinenzug dazu, steigt die körperliche Spannung – und damit kann auch die Erregung weiter zunehmen.
Neben Menschen und Vö**ln gibt es da draußen natürlich noch all diese spannenden Hunde. Na sowas.
Für einen sozialen, neugierigen Islandhund ist ein entgegenkommender Hund schließlich eine ziemlich interessante Angelegenheit. Der andere kommt näher, der Blick geht hin, der Körper geht nach vorne:
„Hallo! Wer bist du denn?“
Genau hier spielt die Vorderführung ihre Stärke aus. Sie bringt ihn in eine körperlich entspanntere Position für die Begegnung und verhindert massives Hochfahren. Kopf, Schnauze und Vorderkörper bleiben frei in der Kommunikation, während der Hund nicht immer weiter in den Zug hineinschiebt. Dadurch kann er den anderen Hund ansehen, dessen Körpersprache lesen und selbst körpersprachlich antworten, ohne dass immense Erregung unnötige Missverständnisse provoziert.
Statt großer Bellerei vor lauter Vorfreude und dauerhaftem Zug entsteht so die Möglichkeit für ein entspanntes Zugehen, ein kurzes „Guten Tag, wie riecht dein Po?“ und ein anschließendes fröhliches Weitergehen.
Der nächste Hund ist ja sicher nicht weit.
Seine soziale Offenheit und seine Begeisterungsfähigkeit sind keine Eigenschaften, die man kleinhalten muss. Mit guter Sozialisation, klarer Orientierung und einem Menschen, der frühzeitig mit ihm kommuniziert, können sie zu echten Stärken werden.
Der Isländer beobachtet, verarbeitet und reagiert. Genau deshalb kann man ihm auch unglaublich viel beibringen – wobei man sich bei einem so aufmerksamen Hund immer bewusst sein sollte, dass er nicht nur das lernt, was man ihm absichtlich beibringt.
Im Haus kann aus dem fröhlichen Melder vom Dienst ein erstaunlich entspannter und anhänglicher Begleiter werden. Er ist ausgesprochen familienbezogen und möchte mitten im Geschehen sein. Nach ausreichender Bewegung und Beschäftigung kann er zu Hause durchaus zur Ruhe kommen.
Du gehst zur Tür? Er kommt mit.
Du gehst in die Küche? Äußerst interessant.
Der andere Hund steht auf? Wichtige Entwicklung im Raum.
Und wenn tatsächlich einmal ein Einbrecher durch die Tür kommt?
Den würde er wahrscheinlich weniger vertreiben als vielmehr hochmotiviert anspringen, lautstark ankündigen und sich im nächsten Moment fragen, warum der ungebetene Gast keine Käsewürfel dabeihat.
Der Isländer ist ein Melder, kein Vollstrecker.
Und wenn seine Meldung erfolgt ist und er sicher ist, dass sie angekommen ist, kann er sich schließlich wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen.
Feierabend ja. Urlaub eher nicht.
Vorderführung: www.der-hundegefaehrte.de
Systemische Verhaltensanalyse: www.der-hundegefaehrte.de/pro
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