10/06/2026
🔪🐶SECHS MONATE ALT – UND SCHON KASTRIERT?🐶💉
In den vergangenen Monaten sind mir vermehrt Fälle untergekommen, in denen Hunde – oft auch auf Anraten eines Tierarztes – bereits vor dem ersten Lebensjahr kastriert wurden.
Und ich denke, wir sollten einmal darüber sprechen.
Die Entscheidung zur Kastration wird meist in bester Absicht getroffen. Gut gemeint, ist aber nicht immer gut gemacht.
Insbesondere bei jungen Hunden wird häufig argumentiert, dass problematische Verhaltensweisen, wie Aggressions-, Jagd- und/oder Markierverhalten bei einer frühzeitigen Kastration gar nicht erst entstehen sollen oder dass man gesundheitlich „vorsorgen“ möchte. Letzteres betrifft z.B. das Verhindern diverse Krebsarten wie bspw. Gesäuge- oder Hodentumore. Bis heute kursieren zahlreiche Aussagen, wonach Hunde durch eine Kastration ruhiger, folgsamer, weniger aggressiv oder allgemein unkomplizierter werden sollen.
Viele dieser Annahmen halten einer modernen verhaltensbiologischen und medizinischen Betrachtung jedoch nur bedingt stand.
Besonders Kastrationen in sehr frühem Alter stehe ich persönlich als Verhaltensbiologin sehr kritisch gegenüber.
Ein sechs Monate alter Hund befindet sich mitten in einer entscheidenden Entwicklungsphase. Wachstum, Gehirnreifung, Sozialverhalten, Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und emotionale Stabilität entwickeln sich noch über viele Monate hinweg weiter. Riesenrassen sind oft erst mit 2 oder 3 Jahren (mental) erwachsen.
Geschlechtshormone spielen dabei eine wesentlich größere Rolle als nur die Fortpflanzung. Sie sind wichtige „Entwicklungshelfer“, begleiten den Hund auf seinem Weg zum erwachsenen Individuum und beeinflussen zahlreiche körperliche und psychische Reifungsprozesse.
Werden diese Hormone -durch eine Kastration- entfernt, bevor sie ihre Aufgabe erfüllt haben, kann das zu möglichen Risiken führen:
❗ Verzögerten Schluss der Wachstumsfugen und daraus folgende orthopädische Probleme (Erhöhtes Risiko für Gelenkerkrankungen, Kreuzbandrisse etc.)
❗ Harninkontinenz, insbesondere bei Hündinnen
❗ Ausbleiben der sozialen Reife: viele Frühkastraten verbleiben in einem juvenilen (kindlichen) Entwicklungsstadium, was bei Sozialkontakt mit Artgenossen zu Problemen/Missverständnissen führen kann
❗ erhöhtes Risiko für bestimmte Tumorerkrankungen, darunter beispielsweise Osteosarkome, Hämangiosarkome oder Mastzelltumore (alleine deswegen sollte man eine (Früh-)Kastration zur PRÄVENTION andere Tumorarten entsprechend kritisch betrachten)
❗ erhöhte Neigung zu Unsicherheit, Ängstlichkeit oder sozialen Problemen
Des Weiteren kann eine Kastration (unabhängig vom Zeitpunkt) zu folgenden Problemen führen:
❗ eine erhöhte Neigung zu Übergewicht, da der Energiebedarf häufig sinkt, während gleichzeitig das Hungergefühl steigen kann
❗ Veränderungen des Fellkleides („Kastratenfell“), insbesondere bei Rassen mit viel Unterwolle, wodurch die Fellpflege deutlich aufwendiger werden kann
Pauschal kann man weder zur noch gegen eine Kastration raten. Denn klar ist: es gibt Situationen, in denen eine Kastration medizinisch sinnvoll oder sogar notwendig ist. Erkrankungen der Geschlechtsorgane oder andere tierärztlich begründete Diagnosen können eine Kastration rechtfertigen. Daher ist die Entscheidung zu einer Kastration höchst individuell zu beurteilen!
Worauf ich hinaus will:
❇️Nicht jedes (Problem-)Verhalten ist ein Hormonproblem.
❇️Nicht jede Herausforderung der Pubertät muss mit einem Skalpell gemeistert werden.
❇️Und nicht jede vermeintliche, medizinische Vorsorgemaßnahme dient tatsächlich dem Wohl des Hundes.
Unsere Hunde haben nur eine Jugend und sollten die Möglichkeit erhalten körperlich und geistig erwachsen zu werden. Diese wichtige Entwicklungszeit können wir ihnen nach einer Frühkastration nicht zurückgeben.
𝗪𝗲𝗿 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗺 𝗛𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗶𝗲 𝗚𝗲𝘀𝗰𝗵𝗹𝗲𝗰𝗵𝘁𝘀𝗵𝗼𝗿𝗺𝗼𝗻𝗲 𝗻𝗶𝗺𝗺𝘁, 𝗯𝗲𝘃𝗼𝗿 𝘀𝗶𝗲 𝗶𝗵𝗿𝗲 𝗔𝘂𝗳𝗴𝗮𝗯𝗲 𝗲𝗿𝗳𝘂̈𝗹𝗹𝘁 𝗵𝗮𝗯𝗲𝗻, 𝗻𝗶𝗺𝗺𝘁 𝗶𝗵𝗺 𝘂𝗻𝘁𝗲𝗿 𝗨𝗺𝘀𝘁𝗮̈𝗻𝗱𝗲𝗻 𝗮𝘂𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗻 𝗧𝗲𝗶𝗹 𝘀𝗲𝗶𝗻𝗲𝗿 𝗻𝗮𝘁𝘂̈𝗿𝗹𝗶𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗘𝗻𝘁𝘄𝗶𝗰𝗸𝗹𝘂𝗻𝗴.
Abschließend bleibt mir nur zu sagen:
Informiert euch, hinterfragt Empfehlungen kritisch (auch wenn sie von einem Tierarzt kommen), holt euch bei Bedarf eine zweite (tiermedizinische) Meinung ein und wägt Nutzen und Risiken sorgfältig gegeneinander ab.