10/09/2026
Schon die „Gebrauchsanweisung“ hat mich gekriegt. Ein Buch, das laut Anleitung aus 168 Seiten, einem Lesezeichen, einem Sessel, einem Tisch und zwei Rotweinen besteht und dessen Ergebnis ausdrücklich variieren kann, nimmt sich selbst erfreulich wenig wichtig. Sein Thema dagegen schon.
„Orientierungslauf“ von Mario Neitzke erzählt davon, wie es sich anfühlen kann, mit einem Kopf durchs Leben zu gehen, der selten geradeaus läuft. Im Mittelpunkt steht ADHS, aber nicht in Form eines klassischen Ratgebers. Keine Checklisten, keine Diagnosekriterien und kein „So bekommen Sie Ihr Leben endlich in den Griff“.
Stattdessen schreibt Mario Neitzke in literarischen Essays über Familie, Erinnerungen, Reizüberflutung, Identität und den Versuch, im eigenen Kopf nicht verloren zu gehen. Über Gedanken, die abzweigen. Über Alltag, der plötzlich zur Aufgabe wird. Über Energie und Erschöpfung, Scham und Überforderung, aber auch Humor und die Suche nach einem eigenen Weg.
Aufgeteilt ist das Buch in STOP, DENK, PUNK und RESET. Schon diese Struktur passt wunderbar zum Titel: Orientierung gibt es, nur eben nicht zwingend auf der kürzesten Strecke.
Besonders interessant finde ich, dass sich das Buch nicht ausschließlich an Menschen mit ADHS richtet. Es ist genauso für Partner:innen, Freund:innen, Eltern oder Kolleg:innen gedacht, die manches Verhalten sehen, aber die Vorgänge dahinter vielleicht nicht verstehen.
Dazu kommt „Orientierungslauf – Trainingslager“. Beide Bücher spielen schon gestalterisch miteinander und machen deutlich: Hier soll ADHS nicht von außen erklärt werden. Hier erzählt jemand von innen nach außen.
Ich mag diese Mischung aus persönlicher Erfahrung, literarischem Erzählen, Selbstbeobachtung und Humor sehr. Kein Lehrbuch. Kein Selbstoptimierungsprogramm. Sondern der Versuch, erfahrbar zu machen, wie anders Wahrnehmung, Denken und Alltag aussehen können.
Und manchmal ist Verstehen eben die deutlich bessere Orientierungshilfe als noch eine weitere Gebrauchsanweisung fürs Leben.
Vielen Dank an Mario Neitzke für die Bereitstellung der beiden Rezensionsexemplare und das Vertrauen. 🤍