13/04/2020
Wieder mal ein toller Bericht von Julie von Bismarck.
Noch einmal eine kleine Serie mit wichtigen Zusammenhängen, die meiner Meinung nach jeder Reiter kennen sollte... Heute:
Bewegungsrichtungen des Kiefers und ihre Bedeutungen
Teil I: Das Vorschieben des Unterkiefers
Es handelt sich um eine automatische Bewegung, bei der der Unterkiefer nach vorne gleitet, sobald das Pferd den Kopf senkt.
Diese Bewegung ist auf eine optimale Futteraufnahme ausgerichtet:
Die Schneidezähne werden übereinandergestellt, um Gras und andere Pflanzen abrupfen zu können und gleichzeitig wird durch das Vorgleiten des Unterkiefers im Kiefergelenk selber Platz geschaffen, für die im Anschluss an das Abrupfen notwendigen Mahlbewegungen zur Zerkleinerung des Futters.
(Bei Pferden, die mit Halfter auf die Weide gehen, sollte immer auf einen ausreichend weiten Nasenriemen und Kehlriemen geachtet werden, so dass die Bewegungen des Kiefers nicht behindert werden können.)
Diese Bewegung ist es allerdings auch, welche möglich sein muss, damit das Pferd in reeller Anlehnung und losgelassen gehen kann.
Bevor ich es lange erkläre, lassen Sie uns einfach eine Übung machen, mit der Sie eindrucksvoll nachvollziehen zu können, was eine Einschränkung dieser verhältnismäßig kleinen, aber so entscheidenden Bewegung für das Pferd bedeutet.
Stellen Sie sich gerade aber locker hin und nehmen Sie die Zähne lose auseinander, denn in der neutralen Stellung des Kiefers haben die Zähne beim Pferd keinen Kontakt. (Sie können die Augen schließen, weil Sie sich dann automatisch mehr auf die Bewegung konzentrieren.)
Bewegen Sie nun Ihren Kopf, Kinn voraus, langsam nach vorwärts-abwärts – so wie ein Pferd das reell tun würde, also mit einem offenen Genick, langem Hals und den Nüstern als vorderster Punkt.
Sie werden feststellen, dass Ihr Unterkiefer mit der Bewegung nach vorne gleitet.
Stellen Sie sich wieder gerade hin und beißen Sie dieses Mal die Zähne fest aufeinander. Wiederholen Sie nun die gleiche Bewegung noch einmal.
Sie werden feststellen, wie viel Spannung sich bis in den Nacken hinein aufbaut und wie die Bewegung unter Umständen sogar schmerzhaft wird.
Die Bewegung ist zwar noch möglich, aber nicht mehr locker, natürlich, unaufwendig und fließend.
Das ist für ein Pferd, dessen Unterkiefer am Vorgleiten gehindert wird, ganz genauso.
Daher an dieser Stelle noch einmal ein Wort zu der Wichtigkeit der zwei Finger Regel zur Verschnallung der Nasenriemen / Reithalfter:
Von einem Pferd, dem der Nasenriemen zugeschnürt wurde, kann niemand eine losgelassene, weiche, natürliche Bewegung oder gar Losgelassenheit erwarten.
Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass ein solches Pferd einfach nur „den Kopf hinhält“, denn die Dynamik des Kopfsenkens in die Anlehnung hinein, würde ein lockeres Vorschieben des Unterkiefers beinhalten und dies ist durch das Zuschnüren des Mauls unterbunden.
Ebenso wenig kann man eine weiche, losgelassene Anlehnung von einem Pferd erwarten, welches beispielsweise Haken oder Wellen auf den Zähnen hat, eine Arthrose im Kiefergelenk oder eine andere gesundheitliche Einschränkung, die den Unterkiefer in seiner natürlichen Bewegung beinträchtigt.
Julie von Bismarck
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