19/06/2026
Die Sache mit dem Vertrauensvorschuss...
Es wird immer schwerer für uns, Hunde zu vermitteln: Hunde, die wir Monate oder Jahre begleitet haben, die uns ans Herz gewachsen sind, für die wir uns ein wunderbares und sicheres Leben wünschen.
Womöglich macht es manchmal den Anschein, doch die Realität sieht anders aus: Wir wollen sie wirklich nicht alle behalten! Was uns oft davon abhält, unsere Schützlinge weiterzugeben, ist Angst: Die Angst, es könnte etwas passieren.
Im Tierschutzalltag gibt es diesen Satz, der das Problem der Vermittler gut beschreibt: Man kann den Menschen immer nur vor den Kopf schauen, nicht hinein. Und so kommt es, dass wir gebetsmühlenartig von den Bedürfnissen, Grenzen und Eigenheiten eines Tieres erzählen und Interessenten nicht richtig zuhören. So kommt es, dass Menschen zunächst sagen, was wir hören wollen, um im nächsten Moment das Gegenteil zu tun. So kommt es, dass die Selbstüberschätzung von Adoptanten für die Hunde zur Gefahr werden kann.
Wir fragen uns, woran das liegt und mitunter – ehrlich gesagt – kommen auch Zweifel auf: Übertreiben wir in den Gesprächen mit unseren Warnungen und Anweisungen? Stimmen Bauchgefühl und Realität im Hinblick auf das Gegenüber wirklich überein?
In unserer Gesellschaft sind die Ansprüche an Hunde mittlerweile erschreckend hoch. Junghunde sollen vor Vermittlung möglichst stubenrein sein, Auslandshunde sollen sich von Tag eins an möglichst problemlos und unauffällig in unseren Alltag einfügen, langjährige Tierheimhunde sollen idealerweise sofort mit allen Zwei- und Vierbeinern in der neuen Familie harmonieren, auch adoptierte ältere Hunde sollen bitte aus Dankbarkeit über die Adoption das Pensum leisten, was unser schnelllebiger Menschenalltag mit sich bringt.
Gleichzeitig wird unterschätzt, was es tatsächlich bedeutet, Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen. Geduld, Konsequenz, Zeit und vor allem die Bereitschaft, auch an sich selbst zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln, lassen sich nicht durch gute Vorsätze ersetzen.
Jeder Hund, der zu uns kommt und auch dann, wenn er von uns aus in neue Hände geht, bringt seine eigene Geschichte mit. Sie sind keine fertigen Produkte aus dem Katalog. Diesen Umstand zu ignorieren, ist schlichtweg fahrlässig. Die Selbstverständlichkeit, mit der mitunter Risiken zu Ungunsten des Hundes, anderer Tiere und Menschen eingegangen wird, bereitet uns zunehmend Sorgen. Kleine Fortschritte werden vorschnell als Sicherheit verstanden und alle Vorkehrungsmaßnahmen über Bord geworfen. Aber es braucht Zeit, einen Hund in wirklich allen Facetten seiner Persönlichkeit kennenzulernen. Und so anpassungsfähig der Hund nach tausenden Jahren der Domestikation auch sein mag, auch er braucht wirklich die Zeit, um die Umstände und Regeln seines neuen Zuhauses kennenzulernen und sich darauf einzulassen.
Die Zahl der Hunde, die mit Ängsten, Unsicherheiten oder fehlenden Erfahrungen zu uns kommen, nimmt aktuell sehr stark zu. Wir sehen Hunde aus verantwortungslosen Auslandsimporten, bei denen es nie eine ehrliche und faire Einschätzung dazu gegeben hat, ob sie in unserem Alltag überhaupt zurechtkommen können. Wir übernehmen Tiere aus deutschen Animal-Hoarding-Fällen, die die ersten Monate und Jahre ihres Lebens derart abgeschottet aufgewachsen sind, dass sie Schwierigkeiten damit haben, die Vielzahl von neuen Außenreizen einzuordnen und adäquat darauf zu reagieren. Wir treffen auf Hunde, die unterschiedlich und unterschiedlich heftig auf die neue Situation reagieren: Mit Scheu, mit Flucht und manchmal auch mit Aggression. Gerade diese Hunde brauchen Menschen, die Risiken ernst nehmen und die einem konsequenten Fahrplan folgen.
Hunde mit potenzieller Fluchtgefahr geben wir ausschließlich doppelt gesichert ab: Zwei Leinen, eine am Halsband und eine am (Sicherheits-) Geschirr. Wir bitten darum, eine Leine am Körper zu tragen. Wir empfehlen, die Hunde auch im Garten nicht ungesichert laufen zu lassen. Wir weisen darauf hin, mindestens in den ersten Wochen und Monaten eine Hausleine und einen GPS-Tracker am Hund zu belassen, damit im Ernstfall nicht innerhalb von Sekunden eine Katastrophe entsteht.
Trotzdem erleben wir immer wieder, dass diese Absprachen ignoriert werden. Stunden oder wenige Tage nach ausführlichen Gesprächen und Erklärungen werden Sicherungsmaßnahmen weggelassen, weil „es doch bisher gut gegangen ist". Weil der Hund schon auf seinen Namen reagiert hat. Weil er sich doch schon eingewöhnt zu haben scheint.
Die Menschen müssen verstehen: Ein verängstigter Hund in einer Ausnahmesituation ist nicht berechenbar. Er erkennt unter Umständen selbst vertraute Menschen nicht wieder. Er läuft nicht erleichtert auf seine Halter zu und wartet darauf, nach Hause gebracht zu werden. Er flüchtet. Er versteckt sich. Er gerät in Panik.
Wer sich in sozialen Netzwerken bewegt, sieht inzwischen beinahe täglich Suchmeldungen von Hunden, die wenige Tage oder Wochen nach ihrem Einzug verschwunden sind. Viele dieser Schicksale hätten verhindert werden können. Stattdessen geraten Hunde auf Straßen und Bahngleise, verfangen sich an Leinen im Unterholz, wo sie verdursten oder verhungern und nicht selten für immer verschwunden bleiben. Die Suche nach ihnen ist oft mit einem enormen emotionalen, organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden, wobei es gleichzeitig keine Garantie für einen guten Ausgang der Geschichte gibt.
Das Gegenstück zur mangelnden Sicherheit draußen sehen wir Zuhause: Insbesondere scheue und ängstliche Hunde oder jene, die ihr bisheriges Leben ausschließlich in einer Hundegruppe verbracht haben, erleben mit einer Vermittlung oft einen regelrechten Kulturschock. Sie verlieren ihre vertrauten Hundefreunde und Bezugspersonen sowie ihr gewohntes Umfeld. Sie kommen in ein neues Zuhause zu fremden Menschen und manchmal auch neuen Artgenossen und in einen Alltag, dessen Regeln sie nicht kennen. Während sie vorher auch einmal in der Masse verschwinden konnten, stehen sie plötzlich allein im Mittelpunkt. Aber dauerhafte Aufmerksamkeit ist nicht automatisch freundliche Zuwendung. Viele Menschen geraten aus Sorge oder Unsicherheit heraus in einen Aktionismus, der seinesgleichen sucht. Auch, dass sich die Menschen vom neuen Mitbewohner möglichst zeitnah Zuneigung, Dankbarkeit und Anschluss erhoffen, erzeugt bei den meisten Hunden in dieser Situation nur noch mehr Anspannung, Druck und Belastung. Wie soll der Hund entspannt im neuen Zuhause ankommen, wenn er permanent beobachtet, angesprochen, angelockt, angefasst und analysiert wird – wenn jede Bewegung interpretiert und jede Reaktion umfangreich bewertet wird?
Die betroffenen Hunde brauchen ihrerseits oft genau das Gegenteil. Mit etwas mehr Empathie müssten auch wir uns wohl eingestehen, dass wir uns unwohl fühlen würden, würden wir dauerhaft belagert, angesprochen und beobachtet werden. Dass es uns nicht zuversichtlich stimmen würde, wenn sich unsere Gesetze täglich ändern. Dass es uns verunsichern würde, wenn unser Gegenüber im entscheidenden Moment die Fassung verliert.
Die eigentliche Verantwortung besteht deshalb darin, zunächst einen sicheren Rahmen für das neue Familienmitglied zu schaffen: Fenster und Türen sichern, bei Bedarf Sicherheitsvorkehrungen im Garten treffen, die Doppelsicherung am Hund belassen, die Hausleine nutzen, den Tracker montieren. Kurzum: nicht vorschnell, sondern schlichtweg überlegt handeln.
Erst wenn diese Sicherheiten gewährleistet sind und der Hund mit seinen vielen Charakterzügen kennengelernt wurde, darf der Mensch lernen, Stück für Stück loszulassen. Dann muss man den Hund nicht mehr ständig anschauen. Man muss ihn nicht mehr ununterbrochen ansprechen, anfassen oder beschäftigen. Man darf ihn einfach dabei sein lassen und er wird beobachten, verarbeiten und dazulernen. Und ja - Manchmal braucht es die Ansprache und manchmal auch etwas wohlwollenden Druck, damit ein Hund sein Schneckenhaus verlässt, um zu erkennen, dass nichts so heiß gegessen wird, wie man es kocht.
Vielleicht haben wir Menschen genau das ein Stück weit verlernt: auszuhalten, dass nicht alles sofort passieren muss, dass nicht über jede Unsicherheit hinweg weggetröstet werden und nicht jede Stille gefüllt werden muss.
Manchmal macht es uns müde. Nicht, weil wir die Hunde aufgeben wollen und nicht, weil wir anderen Menschen grundsätzlich misstrauen möchten, sondern weil wir immer wieder erleben, dass Warnungen nicht ernst genommen werden und unsere Schützlinge den Preis dafür bezahlen. Unsere Hunde sind uns zu wichtig, um leichtfertig darauf zu vertrauen, dass schon alles gutgehen wird. Sie sind Lebewesen, die eine echte Chance verdienen.