07/10/2026
‼️NATÜRLICH BESTRAFE ICH MEINEN HUND.
DU ÜBRIGENS AUCH.‼️
Uff. Jetzt habe ich wahrscheinlich schon die Ersten verloren. Und die anderen holen gerade die Wasserspritzflasche aus dem Schrank.
Aber bevor wir uns gegenseitig erklären, wer hier „rein positiv“, „konsequent“, „bedürfnisorientiert“ oder der einzig wahre Hundeflüsterer ist, lass uns erst einmal darüber reden, was Strafe überhaupt ist.
Denn Strafe bedeutet lernpsychologisch zunächst nicht automatisch Gewalt.
👉Ganz vereinfacht gesagt: Folgt auf ein Verhalten eine Konsequenz und wird dieses Verhalten dadurch zukünftig seltener gezeigt, sprechen wir von Strafe.
Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Und genau deshalb nervt mich diese Diskussion „Strafe ja oder nein?“ mittlerweile gewaltig. Die viel wichtigere Frage lautet: WAS mache ich mit dem Hund – und WAS passiert dabei in ihm?
Denn jetzt kommen wir zu dem Teil, bei dem ich sehr deutlich werde.
Wenn mir jemand erzählt, ein Hund müsse durch eine Wasserspritzflasche, Wurf-/Fischerdiscs, eine scheppernde Blechschüssel oder andere Schreckreize lernen, ein unerwünschtes Verhalten zu unterlassen, dann ist das für mich kein besonders raffiniertes Hundetraining.
Der Mechanismus dahinter ist erschreckend simpel: Mach das – und es wird unangenehm. Oder: Mach das – und du erschrickst dich.
Und ja: Das kann funktionieren. Natürlich kann es das.
Wenn ich Verhalten zuverlässig mit etwas Unangenehmem verknüpfe, kann dieses Verhalten weniger werden. Herzlichen Glückwunsch.
Aber jetzt kommt die Frage, die mich als Hundepsychologen wesentlich mehr interessiert: Was hat der Hund dabei eigentlich gelernt?
Nehmen wir einen Hund, der bei Hundebegegnungen pöbelt. Er sieht einen anderen Hund. Sein Erregungsniveau steigt. Sein Körper schaltet hoch. Vielleicht spielen Unsicherheit, Frust, Distanzbedürfnis, schlechte Erfahrungen oder schlicht massive Überforderung eine Rolle.
Und genau in diesen emotionalen Zustand hinein kommt:
ZISCH! Wasser.
SCHEPPER! Blechschüssel.
Oder irgendein Gegenstand fliegt beziehungsweise knallt in seiner Nähe.
Der Hund hört auf.
„Siehste! Funktioniert!“
‼️NEIN‼️
Du siehst zunächst nur, dass das Verhalten aufgehört hat. Du kannst daraus nicht automatisch ableiten, dass sich auch die Emotion verändert hat, die dieses Verhalten ausgelöst hat.
Und genau hier liegt für mich einer der größten Denkfehler im Hundetraining: Unterdrücktes Verhalten ist nicht automatisch gelöstes Verhalten.
Ein Nervensystem lernt Zusammenhänge. Es lernt Vorhersagbarkeit. Es lernt, welche Situationen Sicherheit bedeuten – und welche Situationen unangenehm oder bedrohlich werden können.
Und deshalb interessiert mich nicht nur: „Bellt er noch?“
Mich interessiert: Wie fühlt sich dieser Hund in dieser Situation? Kann er Informationen noch verarbeiten? Kann er sich orientieren? Kann er Abstand herstellen? Kann er eine andere Strategie lernen?
Oder hat er lediglich gelernt: Wenn ich dieses Verhalten zeige, passiert etwas Beschissenes?
Und bevor jetzt jemand schreibt: „Aber Sven, Hunde müssen doch Grenzen kennenlernen!“
Natürlich.
Ich arbeite auch mit Grenzen. Ich unterbreche Situationen. Ich verhindere Verhalten. Ich lasse meine Hunde nicht machen, was sie wollen. Management ist nicht Laissez-faire.
Gewaltfreies Hundetraining bedeutet nicht, mit Räucherstäbchen auf der Wiese zu sitzen und den Hund zu fragen, ob er heute emotional bereit wäre, vielleicht nicht den Jogger zu verfolgen.
Aber Grenze und gezieltes Erschrecken sind verdammt noch mal nicht dasselbe.
Und genau deshalb sage ich etwas, womit ich mich bei einigen Kollegen wahrscheinlich wieder ausgesprochen beliebt mache:
‼️Wenn ich zu einem Hundetrainer komme und der holt als Trainingswerkzeug eine Wasserspritzflasche, Wurfdiscs oder eine Blechschüssel heraus, würde ich meinen Hund nehmen und gehen.
Nicht diskutieren. Nicht ausprobieren, „ob es vielleicht funktioniert“.
Hund nehmen. Leine nehmen. Gehen.‼️
Denn ich möchte von einem Trainer wissen: Warum zeigt dieser Hund dieses Verhalten? Welche Funktion hat es? Was passiert vorher? Wie hoch ist sein Erregungsniveau? Welche Rolle spielen Distanz, Erwartung, Lernerfahrung, Umwelt und der Mensch am anderen Ende der Leine? Wie schaffen wir Sicherheit? Wie verändern wir Emotionen und Erwartungen? Und welches alternative Verhalten kann dieser Hund überhaupt zeigen?
Wenn die Antwort darauf eine scheppernde Schüssel ist, dann fehlt mir persönlich ein ziemlich entscheidender Teil des Trainingskonzeptes.
Und übrigens: Dass eine Methode funktioniert, ist für mich kein Qualitätsmerkmal.
Sehr viele Dinge funktionieren.
Die entscheidende Frage lautet: Zu welchem Preis?
Genau darüber sollten wir im Hundetraining viel häufiger sprechen. Nicht darüber, welches L***r recht hat. Nicht darüber, wer seinen Hund angeblich niemals bestraft. Sondern darüber, welche Konsequenzen unser Handeln für Lernen, Emotionen, Sicherheit und Vertrauen haben kann.
Denn vielleicht sollten wir endlich aufhören, ausschließlich das sichtbare Verhalten eines Hundes reparieren zu wollen.
Und anfangen, uns dafür zu interessieren, warum es überhaupt da ist.
Jetzt interessiert mich eure Meinung:
Habt ihr Wasserspritzflasche, Wurfdiscs, Blechschüssel oder andere Schreckreize im Hundetraining schon erlebt? Vielleicht sogar von einem Trainer empfohlen bekommen?
Und hat sich dadurch wirklich das Problem verändert – oder nur das sichtbare Verhalten?
Schreibt es mir in die Kommentare. Ich bin gespannt, was ihr erlebt habt.
Und wenn ihr findet, dass wir im Hundetraining endlich wieder mehr über Ursachen statt über das schnelle Abstellen von Verhalten sprechen sollten, teilt diesen Beitrag. Vielleicht erreicht er genau den Menschen, der gerade noch glaubt, sein Hund müsse einfach nur lernen, „dass er das nicht darf“.
Folgt meiner Seite, wenn ihr mehr über Hundeverhalten, Nervensystem, Reaktivität und einen fairen Umgang mit schwierigen Hunden lesen wollt.
© Hundepsychologe Sven
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