21/10/2026
Je mehr Lektionen wir sehen, umso schwerer wird die Reiterausbildung
Schaut man heutzutage Reitvideos, hat man das Gefühl, Dressurreiten ist das Reiten von Lektionen. Abgesehen davon, dass gerade dem unerfahrenen Reiter dadurch ein völlig falscher Eindruck von dem vermittelt wird, was Dressur ist und sein soll und was er lernen soll, steigen damit auch die Ansprüche an das Pferd. Wenn es darum geht, was ein Pferd kann, dann geht es nicht mehr um Durchlässigkeit, eine solide Grundausbildung, den Allrounder, der vielseitig grundausgebildet ist, sondern die Ausbildung wird gemessen daran, welche Lektionen das Pferd beherrscht. Ein Pferd, welches «nur» E und A geht, kann damit häufig nach dieser Einschätzung nichts. Damit steigen aber auch die Ansprüche an das Pferd und das wird für das Pferd zum Problem. Da die Grundausbildung häufig nicht mehr wertgeschätzt wird, werden viel zu früh- und natürlich in falscher Form- Lektionen eingeübt. Das Problem erreicht auch den Unterricht: Lässt man den Reiter eine Lektion reiten, so ist dieser stolz, er hat den Eindruck, er hat etwas erreicht. Dass die Ausführung vielleicht falsch war, weiss der Reiter in diesem Ausbildungsstadium noch nicht. Er hat etwas geritten, was einen besonderen Namen hat und sich anders angefühlt hat als gewöhnlich. Lässt man den Reiter Grundlagenübungen reiten, zum Beispiel gelungene Trab-Schritt Übergänge, so weiss er diese Leistung oft nicht zu schätzen. Das ist ganz natürlich, weil ihm das Wissen und die Einschätzung fehlt, wie komplex schon richtig gerittene Übergänge sind und ihm häufig noch das Gefühl fehlt, jede wunderbare Einzelheit eines gut gerittenen Überganges zu fühlen und wertzuschätzen. Die Fokussierung auf Lektionen weckt also falsche Ansprüche an Reiter und Pferd und senkt letztendlich das Niveau der Reiterei, weil die Basisarbeit, auf die alles korrekt aufbaut, weg fällt.
von Bianca Rieskamp