10/09/2026
Heute hatte ich ein schon fast philosophisches Gespräch.
Ausgangspunkt war ein Beitrag einer R+ Trainerin. R+ bedeutet vereinfacht gesagt, dass im Training möglichst über positive Verstärkung gearbeitet wird, sprich, erwünschtes Verhalten belohnt wird, beispielsweise durch Futter, Lob oder andere Dinge, die der Hund als angenehm empfindet.
In besagtem Beitrag möchte ein junger Hund an etwas heran, an das er nicht soll. Die Trainerin schiebt ihn daraufhin zügig körperlich weg.
Keine dramatische Szene. Der Hund wird weder misshandelt noch eingeschüchtert. Sie setzt in diesem Moment schlicht und ziemlich selbstverständlich eine körperliche Grenze. Und genau das fand ich interessant.
Denn streng genommen passt dieses Wegschieben nicht zu dem Bild von R+, das gerade in den sozialen Medien teilweise vermittelt wird. Und trotzdem macht die Trainerin in diesem Moment etwas, das vermutlich sehr viele Hundehalter intuitiv genauso gemacht hätten.
Gesunder Menschenverstand trifft Ideologie und für einen kurzen Moment gewinnt offenbar der gesunde Menschenverstand.
Dabei stellen sich mir zwei Fragen: Warum arbeiten Menschen, die sehr vehement bestimmte Formen des Umgangs mit Hunden ablehnen, in ihrem eigenen Alltag dann doch anders? Und warum kann man nicht einfach offen dazu stehen?
Gerade wenn man eine gewisse Reichweite hat, wäre das doch eine wunderbare Gelegenheit zu sagen: Ja, positive Verstärkung ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Und ja, manchmal setze ich dem Hund auch ganz unmittelbar eine Grenze. Das eine schliesst das andere doch nicht aus.
Problematisch wird es für mich dort, wo genau solche Handlungen bei anderen Menschen plötzlich als übergriffig, bindungsschädigend oder sogar tierschutzrelevant bezeichnet werden, während man sie bei sich selbst als völlig unproblematisch empfindet.
Da entsteht eine Doppelmoral, die niemandem hilft. Am wenigsten den Hundehaltern, die versuchen, ihren Hund vernünftig durchs Leben zu führen.
Fast noch nachdenklicher haben mich deshalb die Kommentare unter dem Beitrag gemacht.
Wir reden hier von einem Hund, der weggeschoben wurde. Nicht von einem Hund, dem Schmerzen zugefügt wurden. Nicht von Gewalt als Erziehungsmethode. Sondern von einer körperlich gesetzten Grenze in einer alltäglichen Situation.
Ich glaube, wir müssen darüber sprechen können, dass Körperlichkeit nicht automatisch Gewalt bedeutet.
Wir leben mit unseren Hunden schliesslich nicht in einer theoretischen Trainingsoase. Wir leben mit ihnen im Alltag. Wir halten sie fest. Wir blockieren Wege. Wir nehmen sie am Geschirr. Wir schieben sie zur Seite. Wir verhindern, dass sie irgendwo hinspringen. Wir setzen Grenzen, manchmal über ein Signal, manchmal über Management und manchmal eben auch ganz unmittelbar körperlich.
Entscheidend ist doch nicht allein, ob wir unseren Körper einsetzen, sondern wie, warum, mit welcher Intensität und mit welcher Wirkung auf den Hund. Diese Differenzierung geht meines Erachtens zunehmend verloren.
Ich möchte ganz sicher nicht zurück in eine Zeit, in der Hunde mit Härte, Einschüchterung und Schmerz abgerichtet wurden. Dass wir heute sehr viel mehr über Lernverhalten, Emotionen und die Bedürfnisse unserer Hunde wissen, ist ein grosser Fortschritt, von dem alle und insbesondere die Hunde profitieren könnten.
Aber aus der berechtigten Abkehr von unnötiger Härte sollte nicht die nächste Ideologie entstehen, in der jede Form von Grenze, Frustration oder körperlicher Einwirkung automatisch zum moralischen Fehlverhalten erklärt wird.
Ein Hund darf ein Nein erleben. Er darf erfahren, dass er etwas nicht bekommt. Er darf begrenzt werden. Und er darf auch einmal körperlich daran gehindert werden, etwas zu tun. Das alles lässt sich respektvoll, fair und ohne unnötige Härte tun.
Was mir dabei besonders am Herzen liegt: Viele Menschen haben im Zusammenleben mit ihrem Hund eigentlich ein ziemlich gutes Bauchgefühl. Und genau dieses Bauchgefühl wird ihnen teilweise systematisch ausgeredet.
„Damit zerstörst du eure Bindung.“
„Das macht das Vertrauen kaputt.“
„Das darfst du nicht, so geht man nicht mit Hunden um.“
Solche absoluten Aussagen verunsichern Menschen. Sie erzeugen die Vorstellung, eine gute Beziehung zum Hund sei ein fragiles Gebilde, das bei jeder gesetzten Grenze Risse bekommt. Das erlebe ich anders, denn eine gute Beziehung hält Grenzen aus.
Vertrauen bedeutet für mich nicht, dass mein Hund niemals etwas Unangenehmes erlebt oder ich ihm jeden Wunsch erfülle. Vertrauen bedeutet auch, dass ich für ihn berechenbar bin. Dass mein Ja ein Ja ist und mein Nein ein Nein. Dass ich fair bin. Dass ich ihn ernst nehme. Und dass er sich darauf verlassen kann, dass ich Verantwortung übernehme.
Vielleicht sollten wir deshalb wieder ein bisschen weniger darüber diskutieren, welchem „Lager“ eine Trainingshandlung zugeordnet werden kann. Und dafür ein bisschen mehr darüber, ob sie im jeweiligen Moment fair, angemessen und verständlich für den Hund war.
Denn zwischen „alles nur positiv“ und „zurück zur Hundeabrichtung der Steinzeit“ liegt ziemlich viel Raum, den wir nutzen sollten.
Gabriela Frei Gees, eDOGcation